Michael Tomasello (Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig) veröffentlicht regelmäßig Bücher. Es sind große Titel wie „Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“. Ich beziehe mich hier auf das Buch „Die Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ aus dem Jahr 2014 erschienen im Suhrkamp Verlag. Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe. Die Theorie basiert kurz gefasst auf der Annahme, dass menschliche Kommunikation und menschliches Denken ihre Wurzeln in der einzigartigen menschlichen Kooperation via geteilter Intentionalität hat. Diese kooperative Lebensweise entstand sozusagen gezwungermaßen durch Umweltveränderungen vor ca. 2 Millionen Jahren und schuf somit das menschliche Denken, welches sich nach Tomasello entscheidend vom Denken der Tierwelt bspw. Schimpansen unterscheidet. Zitat: „Soziale Unterschiede führen zu erkennbar anderen Typus des Denkens“ (1) Während der Mensch einen gemeinsamen Hintergrund entwickelte, richtet sich das Denken der Menschenaffen auf die Erreichung individueller Ziele. Es handelt sich um sogenannte eine Missing-Link-Theorie (Seite 221). D.h. Frühmenschen waren vor der Entwicklung der geteilten Intentionalität kognitiv den Affen gleichzustellen und verwandelten sich bedingt durch Umwelteinflüsse zu Menschen. Die Theorie beschreibt einen fließenden Übergang vom Affen zum Menschen mit der Kooperation als Missing-Link.

Unterstützt wird diese durchaus „sympathische“ Theorie von Jürgen Habermas, der sich in seiner Theorie der kommunikativen Handelns hier wiederfindet. Der soziologische Gegenspieler von Jürgen Habermas hieß Niklas Luhmann (verstorben am 6. November 1998). Es wird sich zeigen, dass die Habermas/Luhmann-Kontroverse genau hier im Abgleich der Theorie von Herrn Michael Tomasello mit dem Ansatz des homo quaerens wieder aufblüht.

Alle Bücher Tomasellos basieren auf diese Mensch-Tier-Differenz via geteilter Intentionalität!

Kritik an der Kooperationstheorie von Michael Tomasello

  1. Es gibt bereits grundsätzliche Kritikansätze zur geteilten Intentionalität oder auch „Wir-heit“. Sie postuliert eine Art gemeinsame Aufmerksamkeit und eine Form des „rekursiven Gedankenlesens“, die es nach M. Tomasello nur bei Menschen gibt. Eigenartigerweise schreibt er im folgenden (Seite 224), dass es diese Form bei Affen und Kleinkindern nicht gibt. D. h. er grenzt Menschen von Kleinkindern ab. Letztlich sind dann Kinder (noch) keine Menschen? Es ist somit eine a posteriori Hypothese. Kinder werden erst zum Menschen nach kooperativer Sozialisation. 
  2. Die Missing-Link-Theorie ist kritisch sehen, da der Frühmensch dann noch kein Mensch war. Aber was der Mensch dann? Tomasello benutzt oft den Begriff „Menschenaffe“ und muss den Frühmenschen kognitiv mit den uns heute bekannten Affen gleichsetzen. Wenn Kognition der Frühmenschen schon anders geartet war, als die der Menschenaffen, dann wäre besser hier der Hebel zur menschlichen Kognition anzusetzen. Es stellt sich hier auch direkt die Frage, wie der Vorgänger des homo heidelbergensis sich zumindest einfachen  Werkzeuggebrauch angeeignet oder zumindest den aufrechten Gang und das größere Gehirn entwickelt hat. Diese (menschlichen) Errungenschaften sind vor dem Missing-Link zu datieren.
  3. Die Theorie wird als Sonderweg des Menschen in der Evolution bezeichnet. Die Theorie läuft Gefahr, die Prozesse der Evolution als umweltbedingte Neuorientierungen einer Art zu verstehen. Evolution findet aber im Stillen statt. Es gibt keine Zwänge und kein bewusstes Eingreifen und keine Ziele. Der Zufall spielt eine zentrale Rolle. Tomasello zufolge waren die Frühmenschen gezwungen, etwas Neues anzufangen, um den Umweltveränderungen gerecht zu werden. Das ist m. E. ein falsches Verständnis von Evolution, denn demnach hätten die Frühmenschen ja direkt in die Geschicke der Evolution eingegriffen. Richtig ist vielmehr, das Umweltveränderungen Anpassungsdrücke bei den Arten hervorrufen können. Wer davon profitiert oder darunter leidet, hängt davon ab, wer zufällig den neuen Erfordernissen gerecht wird. Und Evolution bewirkt physische Veränderungen innerhalb von Arten. Bei Tomasello geht es um rein kognitive Anpassungsformen.
  4. Nach den Regeln der Kerndifferenz zwischen Tier und Mensch darf es kein Sowohl-Als-Auch geben. Doch nicht nur Menschen kooperieren. Tiere kooperieren auch zum Beispiel bei der gemeinsamen Jagd. Tomasello reduziert jedoch die Kooperation auf eine nur zweipersonale Intentionalität. Tiere können sich quasi nur auf einen Partner konzentrieren. Hier stellt sich gleich die Frage wie ein Löwenrudel oder ein Wolfsrudel mit einer fein abgestimmten Rollenverteilung auf die Jagd geht. Auch die Tatsache, dass es bspw. bei Pinguinen „Kindergärten“ gibt mit gesondert abgestellten Tieren als „Aufpasser“, lässt die Kooperation als nicht ausschließlich menschliche Eigenschaft erscheinen. 
  5. Kooperation beruht auf Konflikt. Tomasello bezieht aber den Konfliktfähgkeit als Voraussetzung von Kooperation gar nicht in seine Theorie ein.

Was ist nach der Theorie des homo quaerens nachvollziehbar?  

  1. Ab Seite 186 listet Tomasello bisherige Theorien zur Menschwerdung auf. Diese fallen m. E. zurecht nach seiner Prüfung sämtlich durch. Es gibt bis dato keine Differenz zwischen Mensch und Tier, die als Kerndifferenz gelten kann. Die Theorie des homo quaerens ist noch weitestgehend unbekannt. [Tomasello führt die Ahnungslosigkeit der Philosophen wesentlich darauf zurück, dass keine geeigneten Informationen für den Vergleich zur Verfügung standen, weil erst im 19. Jahrhundert nicht-menschliche Primaten in Europa gab (Seite 219)] 
  2. Tomasello zieht richtigerweise ein klare kognitive Abgrenzung zwischen den Wesensarten Mensch und Tier. Sein Ergebnis ist, dass das Tier – einschließlich der Affen – kausal und intentional agiert. Es geht um Wenn-Dann-Operationen, die durchaus nach menschlichem Ermessen eine logische Struktur aufweisen (Seite 220).

Was steht nicht mit dem homo quaerens im Einklang?

  1. Ein ganz entscheidender Gedanke gegen die Kooperationstheorie ist die Tatsache, dass menschliche Kooperation nicht mit der Kooperation von Tieren, auch nicht von Schimpansen oder wie Tomasello gerne schreibt Menschenaffen (übrigens ein irreführender Ausdruck), verglichen werden kann, da hier zwei völlig verschiedene kognitive Welten aufeinander treffen. Die kognitive Welt des Menschen ist durch das Fragezeichen geprägt. Die kognitive Welt der Tiere durch das Ausrufezeichen.
  2. Es kommt bei Tomasello immer wieder die Idee hoch, dass der Mensch nur eine Weiterentwicklung in Form eines fließenden evolutiven Übergangs vom Affen eben zu menschlichen Wesen ist. Diese Annahme ist nach der Theorie des homo quaerens nicht haltbar. Es ist deshalb auch absurd, über Tierbeobachtung auf menschliche Kognition schließen zu wollen. Und genau das wird getan.

Fazit: Die Kooperationstheorie ist wie oben gesagt sympathisch, weil die Grundannahme besteht, dass menschliches Denken aus einem Wir-Gefühl entstanden ist. Es wird quasi suggeriert, dass nur das Wir-Gefühl uns noch von den Affen trennt. Doch möchte und muss ich hier meine Bedenken äußern. Menschliche Kooperation setzt immer Konflikt voraus. Es gibt in der Unternehmensberatung das geflügelte Wort: Teamfähigkeit = Kritikfähigkeit! Und das passiert auch bei Tieren, die in Rudeln leben. Die Hierarchie in der Gruppe wird zuallererst via Konflikt gelöst. Erst im Anschluss entsteht eine Rangordnung. Das ist ein ständiger konfliktreicher Prozess mit vorübergehenden Ruhephasen. Insgesamt scheitert die Theorie von Tomasello nicht nur am grundlegenden theoretischen Fundament, sie scheitert auch an der Realität. Im Prinzip sind damit alle Schlussfolgerungen, die in den vielen Büchern niedergeschrieben stehen, wertlos.

  1. EndmD, 2014, Seite 208 
  2. Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, M. Tomasello, 2014, Suhrkamp Verlag

Kritik an Michael Tomasello