Beitrag zur Philosophischen Anthropologie
Der binäre Code des Menschen - Homo quaerens
| Theorieskizze aus dem Jahr
2004 Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Zu dieser Frage gibt es viele Antworten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Ich möchte eine weitere Antwort zur Diskussion stellen. Die Antwort hat eine philosophische Grundlage, die auf Immanuel Kant zurückgeht.Das Ziel ist es, einen grundlegenden Unterschied - eine Kerndifferenz - herauszuarbeiten. Diese Kerndifferenz müßte derart beschaffen sein, daß damit alle Unterschiede zwischen Mensch und Tier erklärt werden können. Denn beobachtbare Unterschiede gibt es viele. So gibt es Fähigkeiten und Merkmale wie Sinneswahrnehmung, Nutzung von Werkzeugen, Gefühle, u.v.m., die beide Wesensarten innehaben und nur in der Ausprägung verschieden sind. Der Mensch nutzt im Vergleich zu Tieren hochkomplizierte Werkzeuge. In der Sinneswahrnehmung haben Tiere besondere Fähigkeiten. So nutzen ja bekanntlich Fledermäuse Ultraschall, um sich zu orientieren. Es gibt aber auch typisch menschliche Fähigkeiten, die Tiere nicht haben, wie zum Beispiel Logik, Vernunft, Abstraktionsvermögen. Hier werden vielleicht schon einige Leser protestieren und sagen, daß auch Tiere vernünftig sind. Sie merken, daß wir uns auf einem schwierigen Terrain bewegen. Um die Suche nach der Kerndifferenz zu unterstreichen, sollte die Fragestellung präzisiert werden in: Was macht den Unterschied zwischen Mensch und Tier? Wenn wir eine Antwort auf diese Frage suchen, dann könnte diese aus den Naturwissenschaften kommen. Denn eine Mutation muß dazu geführt haben, daß sich im Laufe der Evolution eine Spezies - nämlich wir Menschen - von den Primaten abspaltete. Vor kurzem habe ich gelesen, dass Biologen vermuten, die Vergrößerung des Gehirns sei auf die Degeneration der Kaumuskulatur, die wiederum auf eine Genmutation beruht, zurückzuführen. Dieser Umstand brachte die Entwicklung vom Affen zum Menschen einen großen Schritt voran. Das mag sein, aber eine biologische Veränderung kann die hauptsächlich kognitiven, d.h. die Erkenntnis betreffenden Unterschiede zwischen Tier und Mensch nicht erklären. Ganz abgesehen davon, daß hier vielleicht auch Ursache mit Wirkung verwechselt worden ist, kann meines Erachtens eine Antwort auf die Frage womit das Menschsein beginnt in ersr Linie die Geisteswissenschaft insbesondere die Philosophie geben. Ich will sie aber nicht weiter auf die Folter spannen. Meine Idee ist, daß die Kerndifferenz zwischen Tier und Mensch auf die Fähigkeit zur Frage beruht. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit und das Tier nicht. Sie werden jetzt sagen, das Tier kann ja nicht sprechen wie der Mensch und deshalb natürlich auch keine Fragen stellen, denn schließlich ist die Frage Bestandteil der Sprache. Es gab ja schon den Menschen, bevor die menschliche Sprache sich entwickelte. Also kann das Fragen nicht ursächlich sein für die Abspaltung. Das ist natürlich richtig. Es ist aber etwas anderes, wenn ich behaupte, daß nicht die Frage an sich, sondern die Fähigkeit zur Frage Ursache aller Unterschiede zwischen Tier und Mensch ist. Dann wäre auch die menschliche Sprache lediglich eine Folge der Fähigkeit zur Frage. Gibt es hierfür eine philosophische Grundlage oder gar einen Beweis? Die Fähigkeit zur Frage ist - in Anlehnung an die Erkenntnistheorie Immanuel Kants - ein Bestandteil bzw. eine Kategorie unseres Verstandes. Immanuel Kant hat unterschieden zwischen Verstand und sinnliche Erfahrung. Die sinnliche Erfahrung ist das, was wir hören, sehen, fühlen, ... Es geschieht etwas außerhalb unseres Körpers. Mit unseren Sinnesorganen nehmen wir das mannigfaltige Geschehen wahr. Das gilt übrigens auch für die Sprache, die wir ja hören und auch bspw. durch Körpersprache sehen. Diese Eindrücke oder Inhalte werden vom Verstand zu unserem Weltbild geformt. Der Verstand nutzt "Werkzeuge" die von vornherein (a priori) - also vor aller sinnlichen Erfahrung - vorhanden sein müssen, um all die Eindrücke aus der Außenwelt in Vorstellungen zu verarbeiten. Die wichtigsten "Werkzeuge" dafür sind Raum und Zeit. Damit werden bspw. Orientierung und Bewegung für uns überhaupt erst möglich. Dies gilt für Mensch und Tier, denn auch die Tiere können sich orientieren und Bewegungen richtig einschätzen. Immanuel Kant hat nun 12 weitere Werkzeuge bzw. Kategorien des Verstandes genannt. Eines davon ist die Negation. Es gilt nun zu prüfen, ob 1. die Fähigkeit zur Frage nicht ein solches Werkzeug des Verstandes ist und ob 2. nicht dieses Werkzeug nur uns Menschen vorbehalten ist. Zu 1. Die Fähigkeit zur Frage bricht Sachverhalte in Zustimmung und Ablehnung, positiv und negativ, ja und nein auf. Man kann allgemein sagen, daß die Fähigkeit zur Frage als Werkzeug des Verstandes die kognitive Symmetrie bricht und dem betroffenen Wesen dadurch eine Erkenntniserweiterung beschert. Neben der Ja-Welt kommt noch die Nein-Welt dazu. Wir können festhalten, daß die Fähigkeit zur Frage durchaus eine Verstandeskategorie ist. Immanuel Kant spricht von Negation, nimmt aber diese Kategorie nicht zum Anlaß, über die Differenz zwischen Mensch und Tier nachzudenken. Systemtheoretischer Hinweis:Die systemtheoretische Komponente der Theorie ist hier noch nicht ausgearbeitet. Sie basiert auf die Ja/Nein-Codierung der Kommunikation. Tiere besitzen nach meiner Ansicht nur eine einwertige Codierung in ihrer Kommunikation. Die Fähigkeit zur Frage produziert zunächst enorme Komplexität und reduziert dann die selbsterzeugte Komplexität durch die Sinnkategeorie. Sinn ist die Frage nach dem "Warum" und damit wiederum gekoppelt an die Fähigkeit zur Frage. Zu 2. Wenn wir die Sprache wieder als Beispiel nehmen, so ist festzustellen, daß auch Tiere "sprechen". Die Sprache der Tiere ist allerdings auf den Austausch von Signalen beschränkt. Es ist eine Signalsprache oder Positivsprache, die mit lauter Ausrufezeichen versehen ist. Wenn ihr Hund sie nach Essen anbettelt, dann fragt er nicht, ob er etwas zu essen bekommen kann, sondern er sagt (in der menschlichen Sprache übersetzt): "Gib mir etwas zu (fr)essen!". Wenn ihr Hund nicht gebadet werden will, also Ablehnung signalisiert, so ist der Widerspruch keine Ablehnung auf Basis der Fähigkeit der Frage, sondern "positive" schlichte Verweigerung. Das Symbol der Tiersprache ist das Ausrufezeichen. Die Symmetrie wird nicht gebrochen.. Tiere besitzen nicht die Fähigkeit zur Frage. Im Gegenteil zum Menschen, dessen komplexe Sprache eine Folge der Fähigkeit zur Frage ist. Jede Aussage kann verneint werden. Symmetriebruch ist fester Bestandteil nicht nur der menschlichen Sprache, sondern der Kommunikation allgemein. Jede Handlung und jedes Denken ist geprägt von der Fähigkeit zur Frage. Das macht uns leider auch das Leben manchmal so schwer. Denn die Fähigkeit zur Frage erzeugt Widerspruch und Verneinung und damit Ärger und Streit bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber ohne dieses Werkzeug des Verstandes wäre der Mensch nicht in der Lage gewesen, technische Hilfsmittel von der Keule bis zum Raumschiff zu erstellen. Das Symbol der menschlichen Sprache bzw. Kommunikation ist das Fragezeichen. Menschsein beginnt mit der Fähigkeit zur Frage. Die zu Beginn erwähnten Unterschiede zwischen Mensch und Tier können anhand dieser Kerndifferenz beleuchtet werden. Die Logik als menschliche Eigenschaft ist die Fähigkeit sich ein Urteil im Sinne von richtig/falsch zu bilden. Jedem Urteil muß eine Frage vorausgehen. Damit wird klar, daß die Logik eine rein menschliche Kategorie ist. So ist auch jegliche Vernunft, die auf Anwendung von Logik zurückgeführt werden kann, menschlicher Natur. Schauen sie sich Tiere in ihrer Umgebung an. Sie machen immer das Beste aus jeder Situation. Sie können nicht fragen und gehen unbeirrt ihren Weg. Sie kennen keine Irritation und keinen Konjunktiv. Sofern die Naturbedingungen es zulassen, leben sie vielleicht freier als wir Menschen. Johannes Siebelts im Juni 2004 |