Theorieskizze II

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Zu dieser Frage gibt es viele Antworten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Ich möchte eine weitere Antwort zur Diskussion stellen. Die Antwort hat eine philosophische Grundlage, die auf Immanuel Kant zurückgeht.

Das Ziel ist es, einen grundlegenden Unterschied – eine Kerndifferenz – herauszuarbeiten. Diese Kerndifferenz müßte derart beschaffen sein, dass damit alle Unterschiede zwischen Mensch und Tier erklärt werden können. Denn beobachtbare Unterschiede gibt es viele. So gibt es Fähigkeiten und Merkmale wie Sinneswahrnehmung, Nutzung von Werkzeugen, Gefühle, u.v.m., die beide Wesensarten innehaben und nur in der Ausprägung verschieden sind. Der Mensch nutzt im Vergleich zu Tieren hochkomplizierte Werkzeuge. In der Sinneswahrnehmung haben Tiere besondere Fähigkeiten. So nutzen ja bekanntlich Fledermäuse Ultraschall, um sich zu orientieren. Es gibt aber auch typisch menschliche Fähigkeiten, die Tiere nicht haben, wie zum Beispiel Logik, Vernunft, Abstraktionsvermögen. Hier werden vielleicht schon einige Leser protestieren und sagen, dass auch Tiere vernünftig handeln. Sie merken, dass wir uns auf einem schwierigen Terrain bewegen. Um die Suche nach der Kerndifferenz zu unterstreichen, sollte die Fragestellung präzisiert werden in:

Was macht den Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Wenn wir eine Antwort auf diese Frage suchen, dann könnte diese aus den Naturwissenschaften kommen. Denn eine Mutation muß dazu geführt haben, dass sich im Laufe der Evolution eine Spezies – nämlich wir Menschen – von den Primaten abspaltete. Vor kurzem habe ich gelesen, dass Biologen vermuten, die Vergrößerung des Gehirns sei auf die Degeneration der Kaumuskulatur, die wiederum auf eine Genmutation beruht, zurückzuführen. Dieser Umstand brachte die Entwicklung vom Affen zum Menschen einen großen Schritt voran. Das mag sein, aber eine biologische Veränderung kann die hauptsächlich kognitiven, d.h. die Erkenntnis betreffenden Unterschiede zwischen Tier und Mensch nicht erklären. Ganz abgesehen davon, dass hier vielleicht auch Ursache mit Wirkung verwechselt worden ist, kann meines Erachtens eine Antwort auf die Frage womit das Menschsein beginnt in ersr Linie die Geisteswissenschaft insbesondere die Philosophie geben.

Mein Ansatz ist, dass die Kerndifferenz zwischen Tier und Mensch auf die Fähigkeit zur Frage beruht. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit und das Tier nicht. Sie werden jetzt sagen, das Tier kann ja nicht sprechen wie der Mensch und deshalb natürlich auch keine Fragen stellen, denn schließlich ist die Frage Bestandteil der Sprache. Es gab ja schon den Menschen, bevor die menschliche Sprache sich entwickelte. Also kann das Fragen nicht ursächlich sein für die Abspaltung. Das ist natürlich richtig. Es ist aber etwas anderes, wenn ich behaupte, dass nicht die Frage an sich, sondern die Fähigkeit zur Frage Ursache aller Unterschiede zwischen Tier und Mensch ist. Dann wäre auch die menschliche Sprache lediglich eine Folge der Fähigkeit zur Frage. Gibt es hierfür eine philosophische Grundlage oder gar einen Beweis? Die Fähigkeit zur Frage ist – in Anlehnung an die Erkenntnistheorie Immanuel Kants – ein Bestandteil bzw. eine Kategorie unseres Verstandes. Immanuel Kant hat unterschieden zwischen Verstand und sinnliche Erfahrung. Die sinnliche Erfahrung ist das, was wir hören, sehen, fühlen, … Es geschieht etwas außerhalb unseres Körpers. Mit unseren Sinnesorganen nehmen wir das mannigfaltige Geschehen wahr. Das gilt übrigens auch für die Sprache, die wir ja hören und auch bspw. durch Körpersprache sehen. Diese Eindrücke oder Inhalte werden vom Verstand zu unserem Weltbild geformt.

Der Verstand nutzt „Werkzeuge“ die von vornherein (a priori) – also vor aller sinnlichen Erfahrung – vorhanden sein müssen, um all die Eindrücke aus der Außenwelt in Vorstellungen zu verarbeiten. Die wichtigsten „Werkzeuge“ dafür sind Raum und Zeit. Damit werden bspw. Orientierung und Bewegung für uns überhaupt erst möglich. Dies gilt für Mensch und Tier, denn auch die Tiere können sich orientieren und Bewegungen richtig einschätzen. Immanuel Kant hat nun 12 weitere Werkzeuge bzw. Kategorien des Verstandes genannt. Eines davon ist die Negation.

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