String-Pull-Experiment

Forscher beobachten oder experimentieren mit Tieren, um kognitive Ergebnisse daraus abzuleiten. Die Ergebnisse werden in Studien veröffentlicht und ergeben dann – so zumindest nach Forschermeinung – bahnbrechende Erkenntnisse. Ein immer wieder gerne angewandtes Experiment ist das sogenannte String-Pulling. Hier wird die Kooperationsfähigkeit getestet. Der Aufbau ist so, dass nur wenn zwei Tiere gleichzeitig an einem Band ziehen, auch beide oder zumindest ein Tier mit einem Leckerli belohnt wird. Zieht nur ein Tier am Band, dann gehen beide leer aus. Dieses Experiment wurde erfolgreich mit Affen, Halbaffen, Wölfen, Raben und Elefanten in verschiedenen Forschungsinstituten durchexerziert. Und? Ja, die Tiere zeigten sich tatsächlich irgendwie „kooperativ“ und koordinierten ihr Verhalten so, dass die Leckerlis schließlich in ihren Mägen landeten.

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Doch was ist passiert? Zunächst einmal ist leider immer wieder festzustellen, dass wie bei fast allen Tierexperimenten auch hier wieder die Futterbelohnung das auslösende Moment ist. Grundsätzlich untersucht das Experiment ein kausales Verhältnis: auf Aktion „A“ folgt Belohnung „B“. Über dieses kausale Muster werden auch im privaten Bereich oder im Zirkus Tiere dressiert bzw. konditioniert mit erstaunlichen Ergebnissen wie wir alle wissen.  Es wird selten dokumentiert, wie lange dieses Verhalten eintrainiert bzw. eingelernt wurde, bevor die Tiere den Mechanismus dann quasi automatisch umsetzen. Letztlich basieren erlernte Verhaltensmuster dieser Art jeweils auf kognitive – einwertig codierte – Wenn-Dann-Operationen und einem stark ausgeprägten Willen bzw. einer Intention, nämlich die Befriedigung eines Hungergefühls. Ein kognitiver Symmetriebruch ist nicht erforderlich. Alles verläuft in kausalen Mustern. Und genau dies ist ja auch das Feld der Naturwissenschaften, die sich fast ausschließlich mit kausalen Abläufen beschäftigen und daraus dann Schlüsse ziehen. Das läuft nach dem gleichen Prinzip wie im Experiment: Auf Aktion „A“ folgt „B“. „A“ wäre dann hier „Zwei durch Leckerlis angelockte Wölfe kommen nach vorherigem Training und Verstehen des kausalen Prinzips in vielen weiteren Experimenten gemeinsam zum Erfolg“. Daraus folgt für den Forscher dann „B“: Sie zeigen kooperatives Verhalten.

Nun ist es in der Natur so, das Abläufe sich nicht immer kausal eindeutig erklären lassen. Das Ergebnis, also „B“ könnte genauso gut so interpretiert werden: Die Wölfe sind nicht kooperativ in Sinne einer gemeinsamen Übereinkunft, sondern haben nur einen schlichten kausalen Ablauf erlernt. Ähnlich wie die Ausführung des Befehls: „Gib Pfötchen!“. Spontane Fragen an die Forscher wären:

Was passiert im Experiment, wenn eines der beiden Tiere nicht vorher angelernt wurde?

Was passiert, wenn ein Tier satt ist und nur mit „schwachen“ Leckerlis gelockt wird?

Kommt es ein solches kooperatives Szenario in der Natur vor und kann dieser Vorgang unabhängig vom Experimentumfeld beobachtet werden?

Wie kann man die Experimente sicher von Dressur unterscheiden?

Arbeiten die Tiere freiwillig an den Experimenten mit? 

Ich möchte hier nicht die Forschungsbemühungen und Forschungsergebnisse gänzlich in Zweifel ziehen, doch gibt es für mich in der schlichten Naturbeobachtung viele Hinweise, dass Tiere kooperieren. Wie sonst könnte ein Wolfsrudel mit verteilten Rollen auf die Jagd gehen? Es sei außerdem an die verschiedenen Formen der Symbiose erinnert. Ich möchte vielmehr die naturwissenschaftlichen Experimente an sich kritisieren, die via Konditionierung mittels Futter eindeutig auf kognitive Leistungen schließen.

Nach dieser Theorie sind Tiere im kognitiven Kontext einwertig codiert. Sie können kausale Zusammenhänge erfassen und auch neue kausale Zusammenhänge bspw. durch Beobachtung oder Konditionierung erlernen. Alle Bemühungen dieser Art sind fast immer über den Überlebenstrieb „Futtererlangung“ willentlich gesteuert. Aber es gibt auch Ausnahmen, zum Beispiel bei der Putzsymbiose. Es sei hier angemerkt, dass auch der Wille einwertig codiert ist. Das String-Pull-Experiment kann also ebenso mit diesen kognitiven Fähigkeiten erklärt werden und bedarf keiner davon losgelösten Kooperationstrategie.

Nun gibt es findige Forscher, die den Versuchsaufbau insofern verändert haben, als dass der String-Puller selbst keine Belohnung erhält, sondern ein anderes Tier im gemeinsamen Käfig das Leckerli bekommt. Irgendwann zeigt sich, dass das Tier tatsächlich die Lade an sich heranzieht, offenbar wohl erkennend, dass ein anderes Tier des Rudels belohnt wird. Hier wird dann auf Altruismus geschlossen. Auch dieser kausale Schluss ist kritisch zu betrachten, denn es kann sich auch hier um einen schlichten Automatismus handeln. Mir stellt sich dann auch die Frage, ob im Verlauf des Experiments das belohnte Tier seine Belohnung an das andere Tier abgibt oder sich die beiden einfach nach einer gewissen Zeit abwechseln. Hierzu gibt es keine Berichte der Forscher. Der Altruismus geht offensichtlich nur in eine Richtung und kennt keine Rückkopplung oder Altruismus schließt die entdeckte Kooperation aus dem ersten Experiment irgendwie wieder aus. Den wirklich kooperativ wäre ja nun eine Teilung der Beute oder ein Wechsel der Positionen im Käfig.

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Sind Tiere nun kooperativ und/oder altruistisch? Wie lautet eine Antwort auf die Frage nach der Theorie des Homo quaerens. Wir sollten zunächst diese eher kognitiven Konstrukte von den Gefühlen trennen. Nach dieser Theorie sind Tiere voller Sinnlichkeit. D. h., ihre Gefühlswelt ist ebenso ausgeprägt wie unsere. Ihre Gefühle sind direkt und werden nicht – wie bei uns Menschen – kognitiv über den binären Code „gefiltert“. Wir können unsere Gefühle hinterfragen, Tiere nicht. Es gibt nur wenige Momente, wo bei uns Menschen die Gefühle direkt durchschlagen, zum Beispiele in der Liebe. „To fall in love“ drückt den direkten Fall in das Gefühl des Verliebtseins aus. Die Kooperation ist weniger ein Gefühlsakt, sondern vielmehr ein kognitives Konstrukt. Hier ist eine Trennung zwischen einwertiger und binärer Kognition zu ziehen. Wenn ähnliche Verhaltensweisen – wie beim String-Pull-Experiment – bei Mensch und Tier zu beobachten sind, dann interpretiert der (menschliche) Beobachter nur allzu gerne seine eigenen kognitiven Muster auf das Verhalten der (tierischen) Versuchsobjekte. D. h., wir Menschen erkennen eine (menschliche) Kooperation im Sinne einer Verständigung. Doch genau hier sei eben vor einer Falschinterpretation gewarnt. Denn (einwertig codierte) Tiere können durchaus Ursache-Wirkungs-Beziehungen schnell erfassen und zu ihrem Vorteil (Futteraufnahme) nutzen. Dann ist es aber keine (kooperative) Verständigung, sondern ein schlichter gelernter Wenn-Dann-Automatismus zur Futtererlangung. Wenn eine Kooperation jenseits des Versuchsfeldes weitergehen würde, also eine durch das Experiment angestoßene weiterführende kooperative Verständigung bei den Versuchstieren, dann wäre ein Beweis für eine weitergehende Verständigung erbracht. M. E. gibt es von den Forschern hierfür auch keinerlei Hinweise. Alle Erkenntnisse aus den String-Pull-Versuchsreihen sind deshalb mit größtem Vorbehalt zu betrachten.

Dennoch gibt es wie erwähnt tierische Jagdgemeinschaften mit klar verteilten Rollen. Grundsätzlich können diese Rollen über Wenn-Dann-Operationen definiert werden und sind grundsätzlich auch einwertig codierten psychischen Systemen zurechenbar. Die Natur hat an dieser Stelle die wohl ausgereifteste Form einer Wenn-Dann-Intelligenz hervorgebracht. Es ist eine Art strategische Intelligenz mit kooperativem Charakter. Das Ziel ist die Futterbeschaffung und damit das Überleben. Es gibt aber jenseits der Strategie für das Überleben jedoch noch eine andere Komponente in der Tiere außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten zeigen. Es ist das Spiel. Hier zeigt sich sogar eine rekursive Verhaltenskoordination bspw. beim Stöckchen holen. Herrchen nimmt das Stöckchen, Hund schaut aufs das Stöckchen, Herrchen wirft das Stöckchen. Hund holt das Stöckchen und bringt es (nicht immer und bei jedem Hund) im Idealfall also wieder zurück mit der „Aufforderung“ noch einmal zu werfen. Herrchen nimmt das Stöckchen, …

Doch auch hier sei gewarnt vor einer menschlichen Interpretation wie es mit dem Wort „Aufforderung“ begrifflich dargelegt ist. Auch hier vollzieht sich ein erlernter Automatismus oder beim gemeinsamen Jagen ein evolutiv gewachsenes Instinktverhalten. Ähnlich Strukturen tierischer Kooperationen sind unter dem Begriff „Symbiose“ bekannt. In der gängigsten Form der Protokooperation ziehen beide Arten einen Vorteil aus dem Zusammenleben, aber sie sind ohne einander gleichwohl lebensfähig. Ameisen und Blattläuse gehen bspw. eine solche kooperative Allianz ein. Auch ist die Putzsymbiose bei Fischen bekannt. Voraussetzung einer Putzsymbiose ist die Entwicklung eines Kommunikationssystems oder besser Koordinationssystems zwischen den Putzerfischen und ihren „Kunden“. Putzerfische sind für Raubfische nicht tabu und werden von ihnen gefressen, wenn sie das Verhalten eines jagenden Raubfisches missverstanden haben.

Die Fische zeigen durch das Abspreizen der Flossen, das Öffnen von Maul und Kiemendeckel, bei einigen Arten auch durch einen Farbwechsel oder eine trancehafte Starre, ihr Interesse an einer Säuberung. Die Putzerfische geben sich beim Anschwimmen der „Kunden“ durch ihre Färbung mit einem auffallenden Längsstreifen und eine charakteristische Schwimmweise zu erkennen und suchen dann die Körperoberfläche, bei großen Fischen auch das Maulinnere und den inneren Kiemenraum, nach Parasiten (überwiegend Krebstiere) und abgestorbenen Hautteilchen ab. Die „Kunden“ signalisieren durch Zuckungen oder andere Signale, wenn sie genug haben. Die Tiere geben also (einwertig codierte) Signale. Alle Abläufe verlaufen kausal und können über Wenn-Dann-Regeln abgebildet werden. Die Fische zeigen durch das Abspreizen der Flossen, das Öffnen von Maul und Kiemendeckel, bei einigen Arten auch durch einen Farbwechsel oder eine trancehafte Starre, ihr Interesse an einer Säuberung. Die Putzerfische geben sich beim Anschwimmen der „Kunden“ durch ihre Färbung mit einem auffallenden Längsstreifen und eine charakteristische Schwimmweise zu erkennen und suchen dann die Körperoberfläche, bei großen Fischen auch das Maulinnere und den inneren Kiemenraum, nach Parasiten (überwiegend Krebstiere) und abgestorbenen Hautteilchen ab. Die „Kunden“ signalisieren durch Zuckungen oder andere Signale, wenn sie genug haben. Die Tiere „verständigen“ sich also über (einwertig codierte) Signale.

All diese kooperativen Allianzen in der Tier- und auch Pflanzenwelt dürfen nicht mit der menschlichen Kooperation auf Basis einer (fragenden) und damit binären Verständigung verwechselt bzw. von Forschern als menschenähnliches Verhalten interpretiert werden. Die menschliche Kooperation ist von Beginn an geprägt vom Fragezeichen und damit von Beginn an rekursiv. Das beobachtete Verhalten bricht die Symmetrie des Beobachters und verändert seine innere Struktur, der daraufhin wiederum sein Verhalten – insofern ein Nutzen erkannt wird – auf ein gemeinsames Ziel hin ausgerichtet. Das beobachtet sein Gegenüber usw. Die menschliche Sprache ist das optimale Medium für jede Art zwischenmenschlicher Verständigung und wurde deshalb auch vom Menschen wohl auch erfunden. Und (sprachliche) Verständigung umfasst beinah unser gesamtes Dasein. Niklas Luhmann setzt Kommunikation mit Gesellschaft gleich. Wie wichtig Sprache bspw. für die Produktion von Gütern ist zeigt sich an den Flüchtlingen, die zur Zeit in Europa einströmen. Sie können ohne Sprachkenntnisse nicht in komplexe Arbeitsabläufe eingelernt werden. Es bleiben einfachste Tätigkeiten oder das Spiel oder die Kunst/Musik. Doch jedes hergestellte Produkt und jede Dienstleistung ist das Ergebnis menschlicher Kommunikation und nicht von physischen Bewegungsabläufen. Kommunikation ist prozesshaft, während einfachste Tätigkeiten, die sobald sie auch von Maschinen und Robotern übernommen werden können, statischer Natur sind. Das macht Fließbandarbeit so unmenschlich.

Eine weitere Denkfalle in diesem Zusammenhang betrifft die Verschränkung der Begriffe Kooperation und Konsens. Kooperation oder Verständigung basiert in erster Linie auf Konflikt und nicht auf Konsens! Konsens ist das (vorläufige) Ergebnis vorheriger Auseinandersetzungen. Der Zweifel als Ausgangspunkt jeglicher menschlicher Kommunikation kann gar nicht anders funktionieren. Kooperative Allianz (oder auch modern: Teamarbeit) ist also ist erster Linie der Konfliktfähigkeit geschuldet.

Fazit: Das String-Pull-Experiment ist nur begrenzt aussagefähig. Verhaltenskoordinationen können hingegen in der Pflanzen- und Tierwelt vielfach beobachtet werden. Auch zeigen Tiere Gefühle, denn sie sind in jeder Hinsicht sinnliche Wesen. Sinnlichkeit und Gefühl wird beim Menschen durch die immanente fragende Kognition quasi gefiltert und kann sogar vorgetäuscht werden. Die sogenannten „Krokodilstränen“ sind ein Beispiel dafür. Gefühle schlagen bei Tieren direkt durch. So sterben Hunde manchmal nach dem Tod ihres menschlichen Rudelführers. Menschliche Kooperation ist das Ergebnis von Konflikten.