Kommunikationsmodelle

Der Text übt Kritik am 3-stufigen Kommunikationsmodell nach Niklas Luhmann.

Das Kommunikationsmodell nach Luhmann (siehe M. Berghaus, Seite 69 ff.) geht über 3 Akte der Selektion.

Es müssen mindestens 2 Akteure – informationsverarbeitende Prozessoren – beteiligt sein.

Information und Mitteilung liegen beim Sender (das ist der Andere / das Gegenüber) und Annahme bzw. Verstehen beim Empfänger (das ist Ego, also ich). Es ist noch kein inhaltliches Verstehen notwendig, sondern Verstehen hinsichtlich der Differenz zwischen Information und Mitteilung bzw.  zwischen der 1. und 2. Selektion.

Luhmann sieht immer noch (wie in den klassischen Sender-Empfänger-Modellen) die Informationsübertragung im Fokus der Kommunikation. Kommunikation ist bei Luhmann die Synthese der 3 Selektionen und sie wird erst mit dem Verstehen beim Empfänger abgeschlossen.

Aus "Luhmann leicht gemacht" Margot Berghaus
Aus „Luhmann leicht gemacht“ Margot Berghaus

Kritik: Luhmann sieht Kommunikation als Bringschuld des Senders (Alter) an den Empfänger (Ego). Er dreht damit zwar Sender und Empfänger um, aber das ändert nichts an der obigen Feststellung. Konkret: Mein Gegenüber selektiert eine Information, die er mir mitzuteilen versucht und ich nehme die Mitteilung an und schließe damit die Kommunikation ab. Kommunikation wird so als Bringschuld einer Information gesehen. Luhmann behauptet zurecht, dass diese 3-fache Selektion schon an sich unwahrscheinlich ist.

Doch was geschieht im Alltag, wenn zwei Personen aufeinander treffen? Kommunikation beginnt fast immer mit einer Frage. Wir werden später sehen. dass ein Gruß als Frage oder als Bereitschaft in fragende Kommunikation einzusteigen interpretiert werden kann. Bei uns bekannten Personen steht auch häufig eine Frage (bspw. noch aus der Kommunikation vom Vortage abgeleitet) unausgesprochen im Raum. Bei einer Frage wird vorab keine Information selektiert, sondern ich fordere von meinem Gegenüber eine Information ein. Aus der Bringschuld wird eine Holschuld der Information. Das Mitteilungshandeln wird viel intensiver bzw. motivierter sein, da ich etwas von dem anderen möchte und nicht nur dem anderen – aus welchen Grund auch immer – eine Information mitzuteilen versuche. Das Wie der Mitteilung ist auch einfacher gestrickt. Ich stelle eine Frage, welches mein Anliegen an den Empfänger konkretisiert. Auf der Senderseite (in diesem Modell wäre der Sender oder Ego wieder vorne) sind die Selektionen viel klarer und eindeutiger. Die 1. Selektion fällt sogar ganz raus. Daraus folgt zugleich zwangsläufig, dass die Kommunikation wahrscheinlich(er) wird. Der Empfänger muss noch nach Maßgabe der 3. Selektionen der Kommunikation, die Differenz zwischen Information und Mitteilung  unterscheiden können und so die Kommunikation annehmen. Das ist aber bei einer Frage nicht notwendig, da durch das Fehlen der 1. Selektion (Information) gar keine Differenzentscheidung ansteht. Der Empfänger muss allenfalls die Differenz zwischen Frage und Antwort schließen, indem  er bspw. durch ein Nicken als Antwort die Kommunikation abschließt. Damit sind wir aber schon in der 4. Selektion, denn eine Antwort (hier das Nicken) oder eine (in anderen Fällen mögliche) Gegenfrage ist schon wieder Bestandteil der nachfolgenden Kommunikationseinheit. Anschlusskommunikation ist damit ebenfalls wahrscheinlicher. Bei dem Luhmann´schen Kommunikationsmodell fängt die Unwahrscheinlichkeit mit jeder Einheit wieder neu an. Fragen hingegen hinterlassen eine höhere Resonanz beim Gegenüber und haben einen Aufrufcharakter. So kommt Kommunikation auch im Alltag zustande. Wenn Kommunikation erst einmal läuft, nimmt das explizite Fragen ein Ende und man kommuniziert „wie gewohnt“, ohne jede Kommunikationseinheit mit einer Frage zu beginnen. Trotzdem sind es weiterhin Fragen, die beantwortet werden. Eine Frage steht also zu jeder Kommunikationseinheit im Raum. Es geht nicht anders, denn das Universalmedium Sinn verlangt die Frage. Wenn ein Gesprächspartner einen Monolog hält, dann beantwortet dieser laufend Fragen, obwohl diese nicht explizit gestellt wurden. Das gilt natürlich auch für Vorträge, Reden, Vorlesungen, Predigten, etc. oder wenn die auf den Empfänger blicken, beim Lesen eines Buches.

KommunikationsmodelleDas funktionierte auch schon im vorsprachlichen Bereich über Zeichen. Ähnlich dem Bejahen durch Nicken oder dem Kopfschütteln als Verneinung gab es sicherlich vorsprachliche Bewegungsmuster der 3. bzw. 4. Selektion, also des Verstehens und somit kommunikationsabschließende Körpersprachen als Antworten auf Fragen bzw. Einheit von Frage und Antwort.

Niklas Luhmann hat in seiner Sozialtheorie die elementare Bedeutung der Frage bzw. die Differenz zwischen Frage und Antwort nicht berücksichtigt. Jede Kommunikationseinheit  erfordert aber eine Frage. Diese wird im Normalfall auch explizit gestellt. Ein Interview zeigt das klassische Bild einer „informativen“ Kommunikation: Antwort folgt auf Frage, wobei die Rollen festgelegt sind. Denn es besteht ein Informationsgefälle. Der Sender (der Befragte) hat ein Informationsüberschuss und der Empfänger (Interviewer) ein Informationsdefizit, aber auch ein Interesse. Oft tritt er ja auf für andere, wie bspw. bei Interviews in Radiosendungen.

Wie bereits festgestellt, wird im alltäglichen Kommunikationsgeschehen Kommunikation über eine Frage eingeleitet. Hier passt dann aber – zumindest zu Beginn der Kommunikation – das 3-stufige Modell über Information, Mitteilung und Verstehen wiederum nicht mehr. Denn bei einer Frage wie „Wir spät ist es?“ will ich keine Information mitteilen, sondern eine Information einfordern. Der Mitteilungscharakter ist bei einer Frage viel direkter. Und jede Kommunikation beginnt mit einer Frage. So wird Kommunikation – von Luhmann über das Problem der doppelten Kontingenz – als unwahrscheinlich eingestuft – wahrscheinlich. Vor allem dann, wenn wir den Menschen als homo quaerens definieren.

Der Gruß „Guten Tag“ ist eine Einladung zur Kommunikation und ein erstes Fragezeichen, denn wir schließen bei uns bekannten Personen ein „Wie geht es?“ oft direkt an. Zwischen fremden Menschen zeigt es die Bereitschaft zur (fragenden) Kommunikation oder besser eine grundsätzliche Bereitschaft für die Fragen des Gegenüber. Wenn sich Wanderer bei Waldspaziergängen begegnen, ist ein Gruß beinah obligat (so jedenfalls ist meine Beobachtung). Oft schließt sich hier eine Frage an: „Wie weit ist es noch bis …?“ und Kommunikation zwischen fremden Menschen nimmt ihren Lauf. Die enorme Bedeutung der nonverbalen Kommunikation wird auch hier Rechnung getragen, denn bei der Begegnung zwischen fremden Personen entscheidet oft eine positiv anmutende Körpersprache wie ein Lächeln darüber, ob Kommunikation seinen Lauf nimmt. Wir benötigen kein Sender-Empfänger-Informationsübertragungsmodell. Was nicht heißen soll, dass keine Informationen übertragen werden. Doch vor jeder Information steht (formuliert oder nicht) eine Frage.

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