Kognitionsprozessor

Nach Luhmann gibt es ein psychisches System, welches an das von ihm beschriebene soziale System zwingend gekoppelt ist. Vorkenntnisse in der Luhmann´schen Systemtheorie sind vorteilhaft für das Verständnis dieses Textes. Dieser kurzgefasste Ansatz beschreibt das psychische System als autopoietisch organisiertes System, welches mit einem binären Code operiert. 

Das (innere) kognitive System ist im Sinne eines Prozessors das steuernde System des Bewusstseins. Es ist eine Blackbox, denn wir können nicht denken wie wir denken. Die Autopoiesis aufgreifend, betrachten wir das (innere) kognitive System als operational geschlossen. Es ist dennoch umweltoffen. 1)Hilfreich zum Verständnis dieses scheinbaren Widerspruchs – geschlossen und offen zugleich – ist die Lektüre „Der Baum der Erkenntnis“ von Humberto Maturana. Der Neurobiologe Maturana ist der Urheber der Autopoiese, die dann von Luhmann in die Soziologie integriert wurde. Denn es gibt (direkte) strukturelle Kopplungen bspw. an das Gedächtnis oder (indirekte) Kopplungen an das soziale System über das Medium Sprache. Wenn wir in Sprache denken – und das tun wir Menschen in erster Linie – stehen wir quasi in einer Art des kommunikativen Austausches mit dem Prozessor und letztlich in Kommunikation mit uns selbst. Man kann auch von Selbstbeobachtung sprechen.  2)Das Denken jenseits von Sprache ist uns nicht immer bewusst. Neueste Erkenntnisse der Hirnforschung stellen sogar fest, dass es Entscheidungsprozesse gibt, die längst vor der Entscheidungsfindung vom Gehirn festgelegt sind. Diese Entscheidungs- und Verhaltensmuster folgen demnach vorweggenommenen Entscheidungen aus der Blackbox. Es ist aber gleichwohl nicht anzunehmen, dass alle Entscheidungsprozesse direkt aus der Blackbox gesteuert werden.

Da die Sprache nach meiner Überzeugung ein Kind des kognitiven Systems ist, spiegelt Sprache den Operationsmodus des Muttersystems. Luhmann hat in Anlehnung an Ferdinand de Saussure festgestellt, dass Sprache einen binären Code 3)Luhmann benutzt auch den Begriff Ja/Nein-Codierung. Die Sprache besitzt demnach eine zweiwertige Struktur. Beim „Ja“ wird automatisch das „Nein“ mitgedacht. besitzt. Es spricht deshalb alles dafür, dass auch das (innere) kognitive System einen binären Code bzw. eine zweiwertige Struktur hat. Die Blackbox verrät uns also – aufgrund der Analyse der menschlichen Sprache – zumindest ihren Operationsmodus. Bei Tieren, die – nach der Theorie des Homo Quaerens – eine einwertige kognitive Struktur besitzen, spiegelt die Sprache ebenfalls den Operationsmodus der Blackbox. Tiere „sprechen“ in Signalen oder gelernter bzw. andressierter Wenn-Dann-Symbolik. Alles ist auf Kausalität ausgerichtet und einwertig codiert.

Die Operationen oder Letztelemente – wie Niklas Luhmann sagen würde – des menschlichen Prozessors sind nach meiner Überzeugung eben die Symmetriebrüche, die dann im Bewusstsein den Zweifel zur Folge haben. Die von mir als Kerndifferenz erkorene Fähigkeit zur Frage ist hier im Operationsmodus des (inneren) kognitiven Systems implantiert und unantastbar in der Blackbox verankert. Sie ist damit eine a priori Kategorie.

Die Blackbox ist immer „in Betrieb“ und dauerhaft unruhig. 4)Zu klären wäre wie die Blackbox während des Schlafs in einer Art Stand-By funktioniert Sobald Symmetrien geschlossen werden, also befriedigende Antworten gegeben werden wie: „Hurra, ich habe den Schlüssel endlich gefunden!“ kommt es erneut zu Symmetriebrüchen und zu neuen Fragen: „Wie schaffe ich es, jetzt noch rechtzeitig zur Arbeit zu kommen?“.

Das psychische System, von dem Luhmann spricht (aber nicht klar definiert), ist eben die von mir beschriebene Blackbox des (inneren) kognitiven Systems des Menschen. Das psychische System ist damit – wie von Luhmann „verlangt“ – 

  • operational geschlossen  
  • mit einer System/Umwelt-Grenze ausgestattet 
  • über Sprache und Sinn strukturell an das soziale System gekoppelt 

Das Universalmedium Sinn (benutzt von psychischen und sozialen Systemen) ist – nach der Theorie des Homo Quaerens – ein Kind der Fähigkeit zur Frage und des binären Codes der Blackbox. Die menschliche Sprache ist durchsetzt von Fragen. Jede Frage – auch die Frage nach der Uhrzeit – produziert Sinnhaftes und nur Sinnhaftes kann kommuniziert werden. Das Medium Sinn reduziert die Komplexität des kommunikativ Möglichen und wirkt wie ein Filter. Sinn und Frage sind somit strikt aneinander gekoppelt und bedingen sich gegenseitig. 

Niklas Luhmann hat das soziale System auf eine neue theoretische Basis gestellt. Doch er erklärt nicht, wo beispielsweise zentrale Stützpfeiler wie bspw. sinnhafte Kommunikation ihre Wurzeln haben. Als Soziologe war das auch nicht seine Aufgabe. Denn soziale Systeme können nicht Ausgangspunkt sein, da die psychischen Systeme weit vor ihnen „auf der Welt“ waren. In der Psyche des Menschen ist der Ursprung zu verorten. Diese Theorie des Homo Quaerens kann zeigen, worauf soziale Systeme, also Sinn, Sprache, Kommunikation, … aufbauen. Sie sind nur und wirklich nur dem binärem Code bzw. der zweiwertigen Struktur des Kognitionsprozessors geschuldet. Ausgangspunkt ist der Symmetriebruch innerhalb des kognitiven Systems, also das evolutiv-schöpferisch implantierte Fragezeichen. Einmal installiert kommt es bei Bewährung im Kontext der System/Umweltkonfrontation natürlicherweise zu einem co-evolutiven Zusammenspiel und damit zu gegenseitiger zirkulärer Irritation und Entwicklung. Die Spezies Mensch konnte als einzige Spezies mit Hilfe der binären Kognition die starke Umweltabhängigkeit aller anderen lebenden Arten überwinden. Und das mit einem progressiven Verlauf in allen Lebensbereichen von naturwissenschaftlich-technischen bis hin zu soziokulturellen Errungenschaften. Heute beeinflusst und gestaltet der Mensch weite Teile seiner Umwelt. Jüngstes Beispiel der co-evolutiven Entwicklung ist die Digitale Revolution. Das ist der Weg des Menschen vom aufrechten Gang bis zur Digitalen Revolution und zur Demokratie.

Dies alles ist nur dem Menschen vorbehalten. Ja, der Mensch ist über die binäre kognitive Struktur definiert. Das kognitive System der Tiere ist dieser Theorie zufolge einwertig codiert. Tiere leben in einer Art kognitiven Symmetrie. Sie brechen die Symmetrie (kognitiv) zwischen den gegensätzlichen Polen nicht auf. Eine weitreichende Schlussfolgerung ist, dass es demnach keinen fließenden Affe-Mensch-Übergang gegeben haben kann. Auch kann kein menschenähnliches Denken, Verhalten oder Handeln durch Schulung, Dressur, etc. von Tieren erlernt werden. Alle Theorien, die den Weg einer Hominisation beschreiten, befinden sich zwangsläufig auf einem Irrweg. 5)Luhmann war Soziologe und hat die psychischen Systeme aus seiner Betrachtung ausgeklammert. Aber er hat sich ganz deutlich von einer – von vielen Anthropologen propagierten – Hominisation distanziert. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft – Band 1 – Seite 192 Das habe ich z. B. in der Kritik an der Theorie von M. Tomasello herausgearbeitet.

Auch der Glaube oder vielleicht besser die Hoffnung einer dem Menschen gleichwertigen künstlichen Intelligenz verläuft mit dieser Theorie gegen Null. Es müsste die Blackbox entschlüsselt werden. Aber genau hier ist unser blinder Fleck. Wir können weder denken wie wir denken noch können wir die Frage nach der Frage stellen. Die Fähigkeit zur Beantwortung der Frage nach der Frage würde uns direkt zu „Gott“ führen. 6)Der Begriff „blinder Fleck“ suggeriert fälschlicherweise, dass es sich um ein kleines Feld handelt. Aber das kleine Feld ist „größer“ als alles, was wir Menschen kognitiv erfassen können. Der blinde Fleck ist „größer“ als die Welt. So sind auch alle Formen künstlicher Intelligenz nichts anderes als programmierte Maschinen. Das gilt auch für lernfähige Maschinen, denn sie lernen gemäß ihrer Programmierung. Der Arbeitsmodus besteht aus Wenn-Dann-Operationen – also rein einwertige, monokausale Modi – mit bipolarem (nicht binärem!) Aufbau.  7)Ein menschenähnlicher Roboter oder Android muss autopoietisch (aus sich selbst heraus) organisiert sein. Eine Programmierung unterläuft diese essentielle Forderung. Wir Menschen geraten immer wieder in die Falle, kognitive Leistungen von Tieren oder Robotern menschlich zu interpretieren. Das heißt, wir interpretieren sie als binär codierte Leistungen. Biologische Kognition sollte zudem immer im Gesamtkontext gesehen werden. Wir sehen oben in der Skizze, dass Faktoren wie z. B. Emotionen, Wille und das bewusste Denken strukturell an den Kognitionsprozessor gekoppelt sind. Das gilt für Menschen und Tiere, aber nicht für Maschinen. Die Psyche ist aber ein komplexes Gesamtgefüge. Welcher Forscher wird ernsthaft behaupten, zumindest den Bauplan einer menschenähnlichen oder zumindest tierischen Intelligenz zu besitzen? Wir werden hier nur allzu leicht Opfer von Science-Fiction Fantasien. Dennoch bringen alle Bemühungen um menschenähnliche Apparate Fortschritte in der Maschinentechnik und machen uns Menschen das Leben leichter. 8)Zur Zeit sind es leider einmal mehr militärische Anwendungen, die einen tatsächlichen „Nutzen“ abwerfen.

HJS im November 2013

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