Systemische Evolution

Dieser Aufsatz kann im Kant´schen Wortsinn als Kritik der reinen Evolution verstanden werden. Die Evolutionstheorie soll nicht in Frage gestellt werden, jedoch eine Erweiterung erfahren.

Die naturwissenschaftliche Theorie der Evolution hat ein Grundproblem. Sie kann die Entstehung der Arten nicht abschließend erklären. Variation und Selektion (und Adaption) erklären evolutive  Anpassungen innerhalb – reproduktiv geschlossener – Arten. Das geschieht nach Darwin durch künstliche oder natürliche Zuchtwahl. Als Beispiel für die künstliche Zuchtwahl können wir die vielen unterschiedlichen Hunderassen anführen und für die natürliche Zuchtwahl die berühmten Darwinfinken.

Aber die Entstehung einer abgeschlossenen Art aus Variation und Selektion ist nicht belegt. Arten sind definiert als Lebewesen, die sich untereinander fortpflanzen können, aber nicht mit Angehörigen anderer Arten. Einfach ausgedrückt: Ein Hund kann nicht mit einer Katze gekreuzt werden. Die Spezies Hund ist reproduktiv geschlossen. Die Evolutionstheorie nimmt nun an, dass zum Beispiel durch geographische Trennung einer Population die getrennten Populationen über Variation und Selektion anderes entwickeln und sich nach einer zeitlichen Trennung bei einer Wiederzusammenkunft nicht mehr erfolgreich paaren können. D.h. es haben sich zwei neue – reproduktiv geschlossene – Arten entwickelt. Beispiel dafür sind die Silbermöve (Ausbreitung nach Westen) und die Heringsmöve (Ausbreitung nach Osten), die sich nach Wiederzusammenkunft nur noch selten fortpflanzen. Das ist aber noch kein echter Hinweis darauf, wie es zur enormen Vielfalt der Arten  gekommen sein kann. Räumliche Trennungen von Populationen kommen zwar vor, aber sie können unmöglich für die Artenvielfalt in der beobachtbaren Natur verantwortlich sein. Hier wird von Evolutionsbefürwortern auf die extrem lange Zeitspanne hingewiesen und auf weitere Isolationsmechanismen. Wie im obigen Beispiel der Möven sind es zwei Mövenarten, d. h. der Stamm der Art Möve wurde nicht durchbrochen. Allein per Definition einer Art über die reproduktiv eingeschränkte Isolation kommt eine Artentrennung zustande. Eine Änderung des Stammes, d.h. die Entwicklung von der Möve zu einem gänzlich anderen Vogelstamm, kann dann nur über einen extrem langen Zeitraum erfolgen. Denn Variation und Selektion sind sehr langwierige Prozesse. Variationen sind Veränderungen einzelner Gene oder kleinster Abweichung in der Genstruktur, die minimale körperliche oder verhaltensbezogene Abweichungen hervorrufen. Ob sich die Abweichungen durchsetzen, hängt wiederum von dem Umweltbedingungen ab. Es müsste im Laufe der Zeit zu sehr vielen Stufen der Anpassung gekommen sein. Die Paläontologie hält dem gegenüber nur sehr wenige Funde von Übergangsformen bereit. Daraus folgt, dass man entweder an dieser Stelle die Evolutionstheorie im Ganzen bezweifeln muss oder man unterstellt – statt einer sehr langsamen Entwicklung – sogenannte Evolutionsschübe. Diese Schübe könnten Arten oder Stämme schneller entstehen lassen. Die Übergangsphasen wären verkürzt und die Wahrscheinlichkeit Übergangsformen zu entdecken, wäre sehr gering.

Wo steckt das Problem? Meiner Ansicht nach steckt das Problem in der (rein) naturwissenschaftlichen Herangehensweise. Naturwissenschaftler waren und sind immer noch auf monokausale Zusammenhänge eingeschworen. Sobald Naturwissenschaftler mit netzwerkbasierten Strukturen bzw. komplexen Systemen konfrontiert sind – die wir natürlicherweise im Genom vorfinden – funktioniert die gewohnte – auf Kausalität gerichtete – Herangehensweise nicht mehr. Die Naturwissenschaft hat nicht die Werkzeuge, die Vorgänge in komplexen Systemen zu erklären und begibt sich oft auf Irrwege, indem sie bspw. monokausale Zusammenhänge unterstellt. Nun ist die gesamte Evolutionstheorie eine auf naturwissenschaftliche Methodik ausgelegte Forschertheorie. Von Darwin angefangen bis hin zum Genetiker. Nicht zu vergessen sind die Paläontologen, die eben auch oft eine naturwissenschaftliche Ausbildung und ein naturwissenschaftliches Denken mit sich bringen. Das ist dann auch wohl der Grund, warum immer noch und immer wieder an Missing-Link-Theorien und damit auch am Affe-Mensch-Übergang festgehalten wird. Missing-Links wären mit rein kausalen Zusammenhängen zu deuten. Aber genau hier gibt es eben das oben geschilderte Problemfeld. Man denke nur an die sogenannte kambrische Explosion, die kausal und damit naturwissenschaftlich nicht erklärbar ist. Dies ist ein gefundenes Fressen für alle „Glaubenstheoretiker“, die diesen wunden Punkt der Evolutionstheorie nutzen. Wo ist der Ausweg? Einen Ausweg bietet allein die Systemtheorie mit ihren Nachbartheorien wie bspw. die Chaosforschung. Die Systemtheorie kann Phänomene in komplexen Systemen begrifflich fassen und damit erklärbar machen. Mit meiner Kritik der reinen Evolution soll ein systemtheoretischer Ansatz in die Diskussion geworfen werden.

Meine Kritik der reinen Evolution fügt eine Nuance  bei der Entstehung einer Art hinzu. Es ist a priorische Fluktuation des Genoms. A priori deshalb, weil die netzwerkbezogene Veränderung des Genoms die Rahmenbedingungen einer Art von vornherein festlegt. Die Art kann sich innerhalb dieser Bedingungen entfalten. Gleichzeitig legt der Rahmen auch die Grenzen der Entwicklung fest. Das Genom ist eine komplexes vernetztes System, welches dann auch womöglich den systemtheoretischen Gesetzen und Abläufen folgt. Auf keinen Fall können Gene und ihr Zusammenspiel monokausal erklärt werden. Ein wichtiges Phänomen in komplexen Systemen ist die Selbstorganisation mit spontanen Ordnungszuständen jenseits vom Gleichgewicht. Hierfür gibt es viele Beispiele: siehe Hermann Haken: Synergetik Phasenübergang oder Neuordnung durch Fluktuation entsteht in komplexen Systemen ohne Vorankündigung. Das System geht über in einen neuen stabilen Zustand. Wir können also statt Variation und Selektion in manchen Fällen von Fluktuation und Selektion sprechen, mit dem Unterschied, dass im zweiten Fall eine neue Spezies in die Natur entlassen wird.

Welche Erklärungsansätze bringt diese Variante:

1. Stammbäume von Arten beginnen mit einem einzigen Stamm und verzweigen sich dann. Ein gutes Beispiel ist der Stammbaum der Pferde, welches paläontologisch bestens erforscht ist. Das Urpferd – also der Vorfahre aller Pferde – könnte ein Ergebnis von Fluktuation und Selektion sein. Das Programm für unsere heutigen Pferde war bereits Bestandteil des Lebensprogramms des Urpferdes und entwickelte sich – über Variation und Selektion – zu den heutigen uns bekannten Einhufern.

2.  Der Zufall bleibt als wesentlicher Faktor erhalten. Auch Phasenübergänge in komplexen Systemen entstehen spontan. Es gibt jedoch eine Form von Zufall und Notwendigkeit, insofern, als dass bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen.  So ist ein direkter Übergang vom Bakterium zur Spezies Mensch nicht denkbar.

3. Der kritische Begriff des „Fortschritts“ in der Evolution kann mit Phasenübergängen besser verstanden werden.  Der Zufall bleibt der bestimmende Faktor. Der beobachtbare Fortschritt – vom Bakterium zum Vielzeller – benötigt keine göttliche Kraft.

4. Phasenübergänge sind nicht vorhersagbar. Das System kann nur von außen (seine Umwelt) angestoßen oder besser irritiert werden werden, aber nicht von außen gesteuert werden. Das hätte eine Zerstörung des Systems zur Folge. Das System ist somit „operational geschlossen“ und auf Stabilität getrimmt. Das trifft auf das Genom zu.

5. Die Tatsache, dass bestimmte Arten viele Millionen Jahre unverändert existieren – sogenannte lebende Fossilien – wird erklärbar. Sie sind an ihre a priori Grenzen gestoßen, welche unverrückbar festgelegt sind und verharren in diesem Grenzen ohne weitere Entwicklung.

6. Die Natur reduziert die Komplexität durch Bildung von Arten, welche sich dann relativ schnell reproduktiv schließen. Erst durch die Schließung kommt es zur Vielfalt. Eigentlich ein Widerspruch, aber systemtheoretisch eben genau nicht widersprüchlich.

7. Wenn sich Arten relativ schnell entwickeln, ist es tatsächlich sehr unwahrscheinlich, Übergangsformen zu finden. Alle sogenannten „Missing-Links“ sollten grundsätzlich unter diesem Aspekt betrachtet werden. So war ja auch lange Zeit ein Missing-Link als Entwicklungsstufe zwischen Mensch und Schimpanse im Gespräch. Mit dieser Theorie wird klar, dass der Mensch als eigene Art keine „Weiterentwicklung“ einer Affenspezies ist. Auch die Evolutionsschübe im Kambrium sowie in der Zeit zwischen dem Paläozoikum und Mesozoikum können nachvollziehbar erklärt werden.

8. Das Genom zwischen Schimpanse und Mensch ist nahezu identisch, obwohl in der Lebewelt eine große Lücke zwischen Affe und Mensch klafft. Die Chaostheorie beschreibt ähnliche Phänomene als Schmetterlingseffekt. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann in einer weit entfernten Region einen Sturm auslösen.

9. Wir haben uns weitestgehend auf die Genstruktur also die Innenansicht der Evolution konzentriert. Aber auch die Außenansicht der Evolution wie z B. Räuber-Beute-Schemata zeigen systemische Abläufe.

Naturwissenschaft ist und bleibt die Wissenschaft der Kausalität. Das „funktioniert“ auf vielen Gebieten wie wir alle wissen. Nur Lebewesen und die Theorie der Lebewesen „funktionieren“ nicht … sie leben! Denn die Evolutionstheorie ist eine Theorie des Lebendigen. Wenn wir es auf die Spitze treiben, dann kann wir schreiben: Evolution lebt!

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