Der binäre Code

Die binäre Codierung – also quasi die „Neuprogrammierung des kognitiven Prozessors“ von der Einwertigkeit in die Zweiwertigkeit vor ca. 7 Millionen Jahren – ist ein evolutives „Implantat“. Mit der binären Codierung der Kognition kam die Spezies Mensch in die Welt. Das kognitive System ist für uns Menschen eine Blackbox und damit unantastbar und unbeeinflussbar. Nur die Natur kann über evolutive Prozesse – die zufällig entstehen – derart tiefgehende Eingriffe in Nervensysteme generieren.

homo quaerens

Anthropologische Ansätze aus allen Fachrichtungen verstehen die Menschwerdung immer noch als Prozess ohne (inneren) Auslösemechanismus. Beispiele hierfür ist Menschwerdung durch Spracherlangung, durch Sozialverhalten (Hominisation) oder auch im frühen Stadium durch aufrechtes Gehen.

Die Sprache des Menschen ist eine menschliche Errungenschaft und basiert eben auf die Weiterführung der binären Codierung unseres kognitiven Systems. Denn seit Ferdinand Saussure und Niklas Luhmann wissen wir um den zweiwertigen Code unserer Sprache. Doch dieser Code wurde nicht mit der Sprache erfunden, sondern die kognitive Codierung findet nur ihren Ausdruck in der Sprache und zwar in erster Linie in der Frage.

Das aufrechte Gehen ist ein sehr frühes Merkmal des Menschen. Die Annahmen darüber, warum der Mensch sich aufrichtete sind umstritten. Eine Vermutung ist die Grashöhe der Savanne, die ein Aufrichten zwecks besserer Sichtung sich nähernder Feinde erforderte. Das würde aber bedeuten, dass eine besondere Umweltsituation (Grashöhe) eine Anpassung verursacht hätte. Eine solche Erklärung ist evolutionstheoretisch nicht valide, weil allein schon der Zufallscharakter der Evolution nicht zum Tragen kommt. Erschwerend kommt die Frage hinzu, warum nicht auch andere Primaten aufgestanden sind.

Der Auslöser für das Aufrichten könnte vielmehr im binären Code zu finden sein. Denn dieser Code formt Eroberer. Die territoriale Eroberung ist wesentliches menschliches Merkmal über seine gesamte Geschichte. Vom aufrechten Gang des Frühmenschen bis zur Landung auf dem Mond im letzten Jahrhundert. Der Eroberungsdrang wird heute sprachlich gefasst resp. kommuniziert. Bei der Mondlandung war es der Aufruf von J.F. Kennedy. Das Denken ohne Sprache – also das Denken der Frühmenschen – ist für uns aktuell lebende Menschen nicht mehr nachvollziehbar. Wir haben auch keine Begrifflichkeit dafür. Doch auch ohne Sprache wirkt der binäre Code auf unser Verhalten ein, so dass eine Art Neugier im Sinne einer Frage entsteht. Denn Zweiwertigkeit eröffnet Möglichkeiten und Alternativen. Wir können es heute am besten mit Wundern oder Staunen begrifflich fassen. Das Fragezeichen symbolisiert diese Fähigkeit. Das Fragezeichen war schon den Frühmenschen „in die Stirn geschrieben“ und versetzte diese Menschen in Unruhe darüber, was – bildlich beschrieben – hinter dem Horizont verborgen ist. Das richtete den Menschen auf und erklärt den aufrechten Gang tief aus dem Inneren unseres Geistes heraus. Die Eroberung des gesamten Erdballs durch den Menschen war letztlich nur eine Frage der Zeit.

Überhaupt sind alle körperlichen Merkmale und technologischen sowie soziokulturellen Errungenschaften des Menschen (im Sinne eines co-evolutiven Prozesses) ursächlich auf den binären Code zurück zu führen. Die letzte große Errungenschaft ist der Computer, der – wie sollte es anders sein – mit der Erfindung des Bits als bipolare Einheit eine technologische Revolution auslöste.

Natürlich darf die Funktionsweise des „biologischen“ binären Codes nicht dem bipolaren Code digitaler Einheiten verglichen werden. Der biologische binäre Code bricht eine vorhandene Symmetrie auf. Dieser zerstört quasi eine stabile Ordnung und bringt Unruhe in das Systemgefüge hinein. Wir spüren diese – durch einen Symmetriebruch verursachte Irritation – insbesondere dann, wenn eine Person uns eine unbequeme Frage stellt. Ein Bit ist hingegen eine feste Einheit, die nicht aufgebrochen, sondern lediglich vervielfältigt wird. Aber auch der biologische binäre Code vervielfältigt sich durch sich anschließende Symmetriebrüche, resp. über Rückfragen. Ja, gerade die, so bedeutsame Anschlussfähigkeit der Kommunikation im Rahmen der Systemtheorie (Autopoiese), wird durch dieses ständige Aufbrechen der Symmetrie gewährleistet. Die Symmetrie wird dabei in den jeweiligen kognitiven Einheiten der an der Kommunikation beteiligten Personen aufgebrochen. Unter anderem verursacht durch sprachliche Irritation des Gegenübers, aber auch durch das Reflektieren über eigene Gedanken. George Spencer Brown hat hierfür ein mathematisches Kalkül entwickelt. Der binäre Code soll in diesem „komplexen“ Sinne verstanden werden.

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