Doppelte Kontingenz

Ein Versuch aus dem Jahre 2010, dem Unwahrscheinlichkeitsproblem der doppelten Kontingenz auf die Spur zu kommen. Text entstand aus einem Schriftverkehr mit Frau Margot  Berghaus, Autorin des Buches „Luhmann leicht gemacht“ erschienen im Böhlau Verlag.

Das Unwahrscheinlichkeitsproblem der doppelten Kontingenz ist vielleicht „hausgemacht“ und systemintern in Luhmanns Annahmen versteckt. Luhmann war Soziologe und hatte die soziologische Brille auf. Es gibt einen Kommunikationsbegriff von Maturana/Varela, den sie bestimmt kennen: Kommunikation wird als Koordination des Verhaltens bezeichnet, welcher aus einer sozialen Koppelung resultiert. Maturana und Varela sind Biologen. Sie kommen von den Tieren her.

O. Schaf [!]<————> Schaf [!]

Ich habe einmal erlebt, wie ein junges Schaf rastlos am Rand einen großen Herde umherlief. Es „rief“ die Mutter. Es dauerte ca. 10 Minuten da war die Mutter nah genug am Rand, um die Stimme ihres Kindes aus dem Stimmengewirr zu vernehmen. Die beiden kamen zusammen und waren glücklich. Nach Maturana ist dieser Vorgang Kommunikation. Nach Luhmann nicht. Das auslösende Prinzip oder der Bezugsrahmen ist das Naturprinzip „Überleben“.

I. Hund [!] <———-> Ich [?]

Beim Betteln um Futter sind Hund und Mensch (oder besser ihre psychischen Systeme) strukturell gekoppelt (mit Kontingenzgefälle). Das ist nach Luhmann keine (autopoietische) Kommunikation, da z.B. Sinn als Universalmedium fehlt. Aber doch funktioniert es wie Kommunikation: Information, Mitteilung, …. Und es wird auch ohne Autopoiese noch in 1000 Jahren funktionieren. Das auslösende Prinzip oder der Bezugsrahmen ist das Naturprinzip „Überleben“.

II. Ich [?] <———-> Herr Schlüter [?]

Morgens beim Gassigehen treffe ich oft Herrn Schlüter. Wir sprechen beinahe jedesmal über das Wetter. Es handelt sich nach Humberto Maturana um (kommunikative) strukturelle Koppelung. Nach Luhmann sind 2 kontingente psychische Systeme am Werk, die an das soziale System strukturell über das Medium Sprache gekoppelt sind. Der Bezugsrahmen ist Sinn.

III. Buch <———–> Leser

Der Leser liest das Buch zum Beispiel „Luhmann leicht gemacht“ von Margot Berghaus und schreibt eine positive Kritik. Das löst erneut Resonanz im Wissenschaftsbereich aus, also Anschlußkommunikation. Analyse im Prinzip wie unter II.

Luhmann hat die Autopoiese in die Gesellschaftstheorie übertragen. Dieser Begriff ist ja geprägt worden für lebende Systeme von Maturana/Varela. Das hat Konsequenzen zum Beispiel beim Problem der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. Die operationale Geschlossenheit bringt das Problem der Anschlußkommunikation mit. Der „Anschluß“ muß ja innerhalb des Systems – wie in lebenden Systemen – stecken. Aber wo genau? In der 4. Selektion? Dort liegt ja das Unwahrscheinlichkeitsproblem begraben.

Anmerkung: Natürlich sind auch die Selektionen in den einzelnen Stufen des Kommunikationsmodells Information – Mitteilung – Verstehen jeweils kontingent. 

Wenn Luhmann sich „einfach“ für die sozialen Systeme als Selbstorganisationsmodell entschieden hätte, hätte er die Anschlußfähigkeit in die psychischen Systeme verlagern können. Vielleicht hatte er hier keinen „Schlüssel“. Doch ich meine, daß der Zweifel oder Symmetriebruch der Schlüssel ist. Denn der Mensch hat mit einer Kommunikation nach Kommunikationsbeispiel 0. begonnen. Auch Tiere stehen nach Maturana in einem kommunikativen Kontakt.

Doch mit dem Zweifel des Menschen gab es von Anfang an eine tiefgreifende Änderung. Der Zweifel löst einen Symmetriebruch im Erkennen aus. Wir sind dadurch in ständiger Unruhe. Diese Unruhe erzeugt Kontingenz und wir kommen über I. zu II. Die (menschliche) Kommunikation wird wahrscheinlich (im Sinne von möglich) durch den Überlebensdruck und entwickelt sich zum Überlebensinstrument erster Güte. Die Sprache wird „erfunden“. Der Bezugsrahmen Überleben geht im Laufe Evolution über zu Sinn (ebenfalls erzeugt -> ihre Zeichnung mit der Taschenlampe, wunderbar!). Das Gespräch über das Wetter mit Herrn Schlüter ist Kommunikation über strukturelle Koppelung aber (nur) zwischen zwei psychischen Systemen, die mit jedem Wort/Satz die Symmetrie brechen. Im Normalfall wird nicht an soziale Systeme angekoppelt.

Ein soziales System wird vielleicht erst erzeugt oder angeregt, wenn bspw. der Wissenschaftsbreich wie in III. angestoßen wird. Dann ist (systemische) Gesellschaft im Spiel und dann handelt es sich um ein soziales System. Ausgangspunkt sind aber immer die psychischen Systeme also unsere menschliche Fähigkeit zur Frage, die uns ständig umtreibt, beim Denken, Sprechen, Schreiben, … Hier ist die Triebfeder für die Selbstorganisation der Gesellschaft. Ich denke hier immer an den einfachen Fall von (physikalischer) Selbstorganisation z. B. das Auftreten von Konvektionszellen beim Erhitzen von Flüssigkeiten. Die Gesellschaft ist die gesamte Flüssigkeit. In den Zellen entsteht Ordnung über Ausdifferenzierung von operational geschlossenen und dann erst wahren autpoietischen Gesellschaftsbereichen. Die Gesellschaft insgesamt ist durch den Zugang nur für mit der Fähigkeit zur Frage ausgestatteten psyschischen Systemen operational geschlossen und durch den Code des jeweiligen Bereiches als autopoietische Systeme in sich.

Eine aktuelle Konvektionszelle waren die Revolutionen in Tunesien und Ägypten. Es entstehen spontan neue soziale Systeme unter Nutzung des Internets und Mobiltelefonen als Verbereitungsmedien mit ungeheurer Kraft. Ich habe heute im Radio gehört, daß in Ägypten das Internet und der Mobilfunk abgeschaltet wurden. Ganz klar, das sind ja auch die stärksten Waffen der unterdrückten Menschen. Ich meine und hoffe, daß durch diesen Ansatz die sonstigen Ergebnisse Luhmanns nicht berührt werden. Es würden aber Probleme gelöst. Zum Beispiel auch das Problem der 4. Selektion. Diese muß nicht mehr herhalten als Brücke zur Anschlußkommunikation. Den Anschluß übernimmt das Fragezeichen. Die Unwahrscheinlichkeit ist zumindest entkräftet. Die Definition Gesellschaft als Summe aller Kommunikationen verliert nicht den „Totalitätsanspruch“. Doch die Verschränkung der beiden Theorien (Biologie und Soziologie) macht es möglich, von den psychischen Systemen her zu denken (jenseits der Konvektionszellen) und später nach Ausdifferenzierung vom sozialen System her (in den Konvektionszellen).

Wenn wir an Kommunikation denken, dann hört es sich an, als wären im Laufe der Evolution permanent Wunder geschehen. Für mich gibt es nur ein einiziges Wunder und das ist die evolutive Einführung des Symmetriebruchs im Erkennen des Menschen. Entlang dieses roten Fadens erklärt sich die gesamte menschliche Entwicklung. Die Natur setzt oft eine Ausgangspunkt woraus sich sich dann etwas „Wunderbares“ entfaltet. Jedes Wesen entfaltet sich aus einer Zelle. Sogar der Ursprung unserer Welt ist auf einen Symmetriebruch zurückzuführen: Link Symmetriebruch

Das mit dem Symmetriebruch habe ich schon 2004 als Idee aufgeschrieben. Doch jetzt erst ist mir klar, wie eminent wichtig dieser Vorgang ist.

Allein das Wissen um Resonanz macht Revolutionen möglich. Auch wenn das Internet abgeschaltet wird kann die Revolution nicht mehr gebremst werden.

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