Kerndifferenz

Zunächst ist festzuhalten, dass es keine in sich geschlossene Theorie des Menschen gibt.

So können beispielsweise Paläanthropologen den aufrechten Gang der „Frühmenschen“ vor ca. 4 Millionen Jahren nachweisen. Doch auf die Frage, warum der Mensch aufgestanden ist, haben sie keine Antwort. Die Spekulation über den Savannenläufer ist dahin, denn es gibt frühere Funde, die belegen, dass aufrecht gehende Menschen im Wald lebten. Aber auch wenn nun der Savannenläufer wieder ins Spiel kommt, weil vielleicht morgen jenseits der Wälder ein noch älteres Exemplar gefunden wird, ist die Fähigkeit zum Aufrechtgehen kein Indiz für die weitere Entwicklung – wie Werkzeugerstellung oder Sprache – der menschlichen Spezies. Ganz abgesehen von evolutionstheoretischen Defiziten dieser Spekulation.

Alle bisherigen Theorien über den Menschen stellen Hypothesen über einzelne Schritte der Menschwerdung an, aber sie sind nicht in der Lage, eine Kerndifferenz zu etablieren. Hier sind meine Kriterien für eine Kerndifferenz, an die sich jede Theorie über den Menschen messen lassen muß.

Kriterien für eine Kerndifferenz

Ich habe den Begriff Kerndifferenz ins Leben gerufen, um die Kriterien einer eindeutigen Grenzziehung im Sinne einer Definition des Menschen zu manifestieren. Daran muß sich jede Anthropologie messen:

1. Eine Kerndifferenz muss die Bedingung des a priori erfüllen und Bestandteil des biologischen Lebensprogramms des Menschen sein.

2. Eine Kerndifferenz erklärt den Menschen von Anfang an (zeitlich horizontal / phylogenetisch und vertikal / ontogenetisch) und ist Bedingung der Möglichkeit aller weiteren Entwicklungen.

3. Eine Kerndifferenz grenzt die Wesensarten eindeutig ab und schließt ein Sowohl-als-auch aus.

Die Ausführungen auf dieser Website sollen aufzeigen, dass der binäre Code als evolutives Implantat eben diesen Kriterien stand hält. Das würde bedeuten, dass von Anfang an – also von vor mindestens 7 Millionen Jahren – die Evolution den binären Code in die Blackbox des kognitiven Prozessors als Folge einer zufälligen Mutation  „eingebaut“ hat. Diese Umstellung vom einwertigen zum zweiwertigen Code hat über eine sehr lange Zeitspanne die heutige Zivilisation hervorgebracht. Es ist anzunehmen, dass es eine Vorlaufzeit bis zum ersten menschlichen Merkmal des aufrechten Gehens (Bipedie) von vor 4 Millionen Jahren gegeben haben kann, so dass eine Zurückdatierung von über 6 – 9 Millionen Jahren der Implementierung des binären Codes wahrscheinlich ist. D.h. auch, dass die ersten Menschen über einen langen Zeitraum optisch nicht von anderen Primaten zu unterscheiden gewesen sind. Dennoch waren es Menschen! Denn ebenso wie bei Kleinstkindern ist das Erkenntnisgefüge durch das a priori schon für die Entfaltung der menschlichen Merkmale „geschaltet“. Kleinstkinder erfahren über ihre Sozialisation eine Entfaltung zum Beispiel des aufrechten Gehens und der Sprache. Es ist keine angeborene Fähigkeit aufrecht zu gehen oder zu sprechen, sondern es ist das a priori, also die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis bzw. des Verhaltens. Die Wolfskinder (siehe auch Maturana …) sind ein gutes Beispiel dafür. Sie trugen das a priori menschlicher Erkenntnis in sich, wurden aber von Wölfen sozialisiert. Das aufrechte Gehen konnte dem ca. 12-jährigen Geschwisterkind – nach Rückintegration in die menschliche Welt – noch vermittelt werden, doch bei schneller Bewegung fiel das Mädchen jedes Mal zurück in eine vierbeinige Gangart. Das menschliche a priori oder der binäre Code konnte sich nur noch teilweise entfalten, war aber selbstverständlich Bestandteil ihres Erkenntnisgefüges. Das Mädchen ist nicht zum Wolf geworden. Denn der binäre Code definiert sie als Mensch. Die Teil-Entfaltung fand trotzdem noch statt, weil das Mädchen schon alle anderen Voraussetzungen also Skelett, Muskulatur, Nervensystem, etc. besaß, um die typischen menschlichen Fähigkeiten zu erlernen. Bei den ersten Menschen musste sich alle Voraussetzungen erst noch evolutiv entwickeln. Hier wird dann auch der Zeitraum von über 10 Millionen Jahren verständlicher. Auch gibt es belegte Hinweise, dass sich das menschliche Gehirn innerhalb von 7 Millionen gar nicht in der Form hätte entwickeln können.

So ist Bildung – nach dieser Theorie – ein, für die Entfaltung der Fähigkeit zur Frage, enorm wichtiger Faktor. Mit Bildung sozialisiert sich ein kritischer Mensch. Also jemand, der sich und auch der Gesellschaft Fragen stellt. Natürlich ist hier vorausgesetzt, dass die Bildung frei von weltanschaulicher oder religiöser Indoktrination ist. Sekten „bilden“ auch ihre Jünger heran, aber sie sind bemüht um Gleichschaltung. Hier wird die Fähigkeit zur Frage ausgemerzt, statt sie zu entwickeln. Auch Menschen mit geringem Bildungsstand haben nicht gelernt, Gegebenes zu hinterfragen und sind anfälliger für Indoktrination. Diktaturen halten ihr Volk bewusst „dumm“. Weil für Diktaturen Fragen gefährlich sind. Wenn trotzdem unangenehme Fragen gestellt werden, müssen diese entdeckt und die Frager eliminiert werden. Dazu hält sich jede Diktatur einen inneren Geheimdienst. Die Stasi ist ein junges Beispiel. Mit Bildung geht die Staatsform Demokratie einher. Die – nach dieser Theorie – menschlichste aller Staatsformen, lebt vom Pluralismus und damit von der Frage. Dazu braucht es ein ausgereiftes Schulsystem, welches den – bis in unsere tiefsten Wurzeln verankerten – binären Code bzw. die (a priori) Fähigkeit zur Frage zur Entfaltung bringt.

An dieser Stelle kann noch überlegt werden wie wir außerirdische Wesen betrachten würden, welche eben den binären Code nutzen und sich mit uns über Sprache verständigen könnten. Würden wir diese Wesen als Menschen einstufen? Ist das Menschsein an die uns „gewohnte Optik“ des Menschen gebunden? Wurden Schwarze deswegen wie Sklaven behandelt, weil sie allein aufgrund ihrer Hautfarbe nicht als Mensch akzeptiert wurden. Sind Schwerstbehinderte, die von dieser gewohnten Optik abweichen, noch Menschen? Was ist mit schwer geistig Behinderten? Was ist mit Embryonen? Sie alle tragen den binären Code als a priori in sich und sind Menschen nach unserer Definition. Das wird anders, wenn wir bspw. den Menschen über die Vernunft bzw. Fähigkeit zur Reflexion von der Tierwelt abgrenzen. Dann müssten streng genommen schon Kinder als „Nochnichtmenschen“ eingestuft werden.  Oder würden sie einem 2-jährigen Kind Vernunft zugestehen? Im Gegensatz dazu spricht ein 2-jähriges Kind das Wort „Nein“ aus und tritt direkt in die Ja/Nein-Kommunikation ein.

Doch was hat der aufrechte Gang mit dem binären Code zu tun? Der binäre Code führte das Fragezeichen ein. Die ersten Menschen wurden zu „Eroberern“. Das sind wir noch heute. Während die Tierwelt in Revieren – also innerhalb von territorialen begrenzten Gebieten – lebt, hat der Mensch das „innere“ Verlangen, die Grenze zu überschreiten. Ursächlich dafür ist der binäre Code bzw. Fähigkeit zur Frage. Sie löst das aus, was wir in unserer Sprache begrifflich mit Staunen, Wundern fassen und letztlich innerhalb unseres Denkens und Sprechens mit dem Stellen von  Fragen zum Ausdruck bringen. Der Blick ist dann auf den Horizont gerichtet – also grenzüberschreitend – und nicht mehr auf den Boden. Und es kommt von innen – also vom System selbst – und nicht von außen, sprich von der Umwelt. Der zweite Ansatz – also die Umwelt determiniert das System – ist evolutionstheoretisch und systemtheoretisch nicht haltbar. Im ersten Ansatz ist das System strukturdeterminiert und wird allenfalls durch die Umwelt angestoßen im Sinne einer strukturellen Kopplung. (siehe Maturana). Wir können also auch Tieren nicht durch Dressur – also von außen – das aufrechte Gehen beibringen. Versuche hierzu gibt es. Und wenn die Tiere dann doch einige Meter aufrecht gehen, dann ist es eine auferlegte Fähigkeit (Dressur) aber keine strukturdeterminierte Fähigkeit. Das sind zwei grundverschiedene Tatsachen. die streng zu trennen sind.

Hinweis: Man kann so mit Darwin´schen Methoden den Menschen erklären. Wir benötigen keine kreationistischen Ansätze: siehe zum Beispiel den Artikel von Joachim Bauer (Link) Wir brauchen sie aber auch nicht abzulehnen, um diese Theorie aufrecht zu erhalten.

Inwieweit die mutative Implantation des binären Codes direkt ins Erbgut programmiert wurde oder sich indirekt über eine Mutation bspw. des Nervensystems kognitiv etablierte, kann hier nicht beantwortet werden. Doch fest steht wohl eines: Der Mensch entwickelte sich vom Geiste her. Meines Erachtens ist das der wichtigste Satz im Buch „Lucys Knie“ von Ives Coppens. Wir können noch hinzufügen … von Anfang an.