Theorieskizze

Ich frage, also bin ich ein Mensch

Theorieskizze zur Evolution des Menschen

These: Die Fähigkeit zur Frage markiert als (apriori) Verstandeskategorie die Differenz der Wesensarten Mensch und Tier

1. Fähigkeit zur Frage als Kerndifferenz

Das Ziel dieser Abhandlung ist es, eine Kerndifferenz zwischen den Wesensarten Mensch und Tier herauszuarbeiten. Unter Kerndifferenz verstehe ich jene Differenz, die alle beobachtbaren Unterschiede zwischen Mensch und Tier erklären kann. Das Ziel kann somit präzisiert werden mit der Frage: Was macht den Unterschied zwischen Mensch und Tier? Der englische Ausdruck: “What makes the difference …” drückt es noch besser aus.

Für die Beantwortung der rein biologischen Unterschiede sind die naturwissenschaftlichen Disziplinen geeignet. Wenn wir nach den kognitiven Unterschieden der Wesensarten fragen, müssen geisteswissenschaftliche Grundlagen herangezogen werden. Meine These stellt auf die kognitiven Unterschiede der Wesensarten ab und lautet: Die Kerndifferenz zwischen Mensch und Tier ist die Fähigkeit zur Frage. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit und das Tier nicht. Fundament dieser These sind Grundgedanken der Philosophie.

2. Differenzierung zwischen Frage und Fähigkeit zur Frage

Die menschliche Sprache soll als Anschauungsmedium dienen, um die These zu erläutern. Die Differenzierung zwischen der Frage – als Ausdrucksform der menschlichen Sprache – und der Fähigkeit zur Frage, die ich als (apriori) Verstandeskategorie verstehe, ist maßgeblich für die Gültigkeit der These. Wenn die Fähigkeit zur Frage als (apriori) Verstandeskategorie im Sinne von Immanuel Kant aufgefaßt werden kann, dann ist sie notwendige Bedingung zur Ermöglichung von (sinnlicher) Erfahrung. Die menschliche Sprache ist eine (a posteriori) sinnliche Erfahrung. Sie muß erlernt werden. Die Verstandeskategorien sind mit der Geburt für die jeweilige Wesensart festgelegt. Die Schlußfolgerung würde dann lauten: Die menschliche Sprache ist Folge der Fähigkeit zur Frage.

2.1. Fähigkeit zur Frage als (apriori) Verstandeskategorie

Immanuel Kant entwirft neben Raum und Zeit 12 weitere (apriori) Verstandeskategorien. Die Kategorie der Negation (Zustimmung/Ablehnung) wird auf der Suche nach der Kerndifferenz zwischen den Wesensarten zur Schlüsselkategorie. Mit der Negation oder der Fähigkeit zur Frage wird die Symmetrie des formenden Verstandes aufgebrochen. Ohne die Fähigkeit zur Frage gibt es nur eine “Positiv”-Welt. Die Negation spaltet im Sinne einer Bifurkation das einheitliche Weltbild in die Positiv-Welt und Negativ-Welt oder in die Ja- und die Nein-Welt. Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung sind für die mit der Fähigkeit zur Frage ausgestatteten Wesensarten reicher.

2.2. Fähigkeit zur Frage als Verstandeskategorie des Menschen

Bei Heranziehung der Sprache als Anschauungsmedium ist zunächst festzuhalten, daß auch Tiere “sprechen” können. Die Sprache der Tiere ist allerdings auf den Austausch von Signalen beschränkt. Es ist eine Signalsprache oder Positivsprache, die mit Ausrufezeichen markiert ist. Widerspruch (der störrische Esel) ist keine Ablehnung auf Basis der Fähigkeit der Frage, sondern “positive” schlichte Verweigerung. Das Symbol der Tiersprache ist das Ausrufezeichen. Die Symmetrie wird nicht gebrochen. Tiere besitzen nicht die Fähigkeit zur Frage. Diese Tatsache ist in vielen Experimenten mit Tieren – ohne, daß die Erforschung der Fähigkeit zur Frage ein direktes Ziel war – empirisch nachgewiesen worden. Tiere besitzen jedoch alle anderen Verstandeskategorien, denn sie sind in der Lage sich im Raum zu orientieren und agieren in kausalen (zeitlichen) Zusammenhängen. So benutzen Tiere auch Werkzeuge. Der reine Gebrauch eines Werkzeuges allerdings, der nicht an die Fähigkeit zur Frage gekoppelt ist, ist reine Strategie des Vorteils und letztlich des Überlebens. Wenn Tiere Werkzeuge benutzen, dann erfolgt dies aufgrund einer internen Wenn-Dann-Analyse, abgeleitet aus den Erfahrungen aus Versuch und Irrtum. Ein Symmetriebruch oder eine Bifurkation bedingt durch Negation ist von vornherein ausgeschlossen. Ein deutlicher Beleg dafür ist die Tatsache, daß Tiere Werkzeuge ausschließlich für die Verbesserung der Nahrungsaufnahme und nicht bspw. für den Einsatz als Waffe benutzen. Das Symbol der menschlichen Sprache ist das Fragezeichen. In der menschlichen Sprache und in der menschlichen Kommunikation allgemein ist Symmetriebruch ein fester Bestandteil. Jede Kommunikation und somit jede Handlung und jedes Denken ist geprägt von der Fähigkeit zur Frage. Denn die Fähigkeit zur Frage erzeugt Zweifel und Widerspruch und damit kontroverse Sichtweisen zwischen den Kommunikationsteilnehmern. Darin verborgen ist die Triebfeder für die technische und kulturelle Entwicklung des Menschen. Ohne die erweiterte Verstandeskategorie wäre die Wesensart Mensch nicht in der Lage gewesen, sich in der uns heute bekannten Form von der Natur abzukoppeln.

3. Schlußfolgerung und Fazit

Ich habe dargestellt, daß die Fähigkeit zur Frage eine (apriori) Verstandeskategorie ist und, daß diese Kategorie nur dem Menschen gegeben ist. Nicht nur die menschliche Sprache kann auf diese Kerndifferenz zurückgeführt werden, sondern jeglicher (beobachtbare) Unterschied zwischen Mensch und Tier. Zwei weitere Beispiele seien kurz skizziert: 1. Die Logik ist die Fähigkeit sich ein Urteil im Sinne von richtig/falsch zu bilden. Jedem Urteil muß eine Frage vorausgehen. Es wird deutlich, daß die Logik eine rein menschliche Kategorie ist. So ist auch jegliche Vernunft, die auf Anwendung von Logik zurückgeführt werden kann, menschlicher Natur. 2. Das (körperliche) Spiel – sofern wir den reinen Spielablauf betrachten – ist eine “animalische” Kategorie. Er kann auf eine Wenn-Dann-Aktivität reduziert werden. Eine ausgereifte Technik und viel Übung verdrängen immer mehr die kognitiven Prozesse bis sich im Idealfall ein physischer Automatismus einstellt.

Die Natur gibt uns (Menschen) keine Antworten, sondern die Frage als Werkzeug des Verstandes, um die Rätsel dieser Welt zu lösen. Menschsein beginnt mit der Fähigkeit zur Frage. Zur rein empirischen Bestätigung meiner These rate ich, Tiere zu beobachten und auf ihre (Un-)Fähigkeit zur Frage zu prüfen.

h. johannes siebelts im Juni 2004

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