Erste Gedanken

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Der Versuch einer philosophischen Antwort

Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt es viele unbefriedigende Antworten. Der aufrechte Gang könnte eine Differenz sein oder die höhere Intelligenz des Menschen. Man kann entgegenhalten, daß das Huhn ebenfalls aufrecht geht und Tiere bspw. in Gefahrensituation „intelligenter“ als Menschen reagieren. Auch wird oft behauptet, daß der Mensch ein von der Vernunft geleitetes Wesen im Gegensatz zum instinktgesteuerten Tier sei. Der Mensch sei aktiv und das Tier reaktiv im Sinne einer Reiz-Reaktions-Apparatur. Der Bibel zufolge ist der Mensch eine Schöpfung Gottes nach seinem Ebenbild, während das Tier, … ja was eigentlich? Inzwischen ist wohl allen Menschen bewusst, dass Tiere die gesamte Gefühlspalette von Glück, Freude, Liebe, Stolz, Neid inklusive der Umkehrungen wie Trauer, Abneigung, Aggression, Angst, Zorn empfinden. Sie sind eigentlich wie wir. Lernfähigkeit, Entwicklung von Strategien oder Selbstbewußtsein wird Tieren ebenfalls zurecht unterstellt. Selbst der freie Wille wird Tieren zugestanden. Dies wird jedem Menschen spätestens dann bewusst, wenn er einem hungrigen Tiger in freier Wildbahn gegenübersteht.

Der Mensch hat offenbar eine höhere Verhaltensbandbreite bzw. Kontingenz, so benutzt er bspw. Werkzeuge von der Keule bis zum Raumschiff. Tiere sind in ihrem Verhalten eingeschränkt, obwohl sie auch Werkzeuge benutzen und miteinander kommunizieren. Die Kommunikation unter Menschen ist wesentlich komplexer und basiert auf Sprache und Schrift. Kein Tier hat jemals ein Buch geschrieben. Aber woher rührt dieses Komplexitätsgefälle. Viele Philosophen verweisen letztendlich auf die Biologie. „Es muss ein biologischer Unterschied sein.“ Aber auch die Biologie kann den Philosophen nicht helfen. Die Gene / Chromosomen stimmen weitestgehend in der Anzahl überein. Was ist also die Kerndifferenz?

Kommunikation auf Basis der Frage

Die Suche nach einer befriedigenden Antwort ist meines Erachtens in der Kommunikation zu finden. Die menschliche Kommunikation ist komplexer und vielfältiger. Die grundlegende Differenz zwischen Mensch und Tier ist die Fähigkeit des Menschen innerhalb der Kommunikation Fragen zu stellen. Nichts anderes unterscheidet den Menschen vom Tier, als dass der Mensch fragt und das Tier nicht. Die Schöpfung des Menschen begann mit der Frage. Irgendwann im Laufe der Evolution wurde in der Kommunikation die Frage zugelassen. Das darwinistische Prinzip von Mutation und Selektion schlägt sich hier nieder. Der Mensch ist ein Mensch, weil er fragt.

In seinem Film Odyssee 2001 versucht Stanley Kubrick den Übergang vom Tier zum Menschen darzustellen. Die Berührung eines Monoliths symbolisiert den Schöpfungsimpuls. Der Aufbruch der Menschheit beginnt mit dem ersten inneren Zweifel und die Frage, warum den Holzstumpf oder Beinknochen nicht als Werkzeug oder Waffe gebrauchen, keimt auf. Der reine Gebrauch eines Werkzeuges, der nicht an eine Frage gekoppelt ist, ist Strategie des Vorteils und letztlich des Überlebens. Wenn Tiere Werkzeuge benutzen, dann erfolgt dies aufgrund einer internen Wenn-Dann-Analyse, abgeleitet von den Erfahrungen aus Versuch und Irrtum. Der innere Zweifel, ob nicht auch etwas anders mit dem Gegenstand anzufangen ist, bringt erst den gravierenden Unterschied. Mit diesem schöpferischen Impuls der Einführung der Frage in die Kommunikation und im Denken – Denken wird als Kommunikation nach innen verstanden – entsteht eine neue Welt mit den uns heute bekannten vielfältigen Möglichkeiten inklusive der Entwicklung der Sprache und der Schrift und der elektronischen Medien. Jede technische Errungenschaft beruht auf die Beantwortung tausender Fragen.

Der Informationsaustausch als Hauptmerkmal der Kommunikation bleibt nicht mehr auf der Stufe von Signalen wie zum Beispiel Warn- oder Lockrufe, sondern entfaltet durch Rückkopplung eine enormes Potential an Komplexität. Jede Frage „provoziert“ eine Antwort. Antworten können angezweifelt werden und erzeugen neue Fragen. Durch die Einführung der Frage in die Welt, mutiert Kommunikation vom Informationsaustausch auf Signalebene zum selbstorganisierenden (autopoietischen) System und begründet eine ganz neue Spezies: den Menschen.

Die Frage und die Kommunikation (Systemtheorie)

Die modernste Kommunikationstheorie hat Niklas Luhmann erarbeitet. Er hat die Autopoiesis bzw. Systemtheorie in die Sozialwissenschaften eingeführt. Eine seiner Kernaussagen ist: Gesellschaft ist Kommunikation. Die Entwicklung der Kommunikation ist entscheidend für die Komplexität einer Gesellschaft. Niklas Luhmann weist der Sprache eine Ja/Nein Codierung zu. Man könnte im Sinne der Systemtheorie auch sagen, daß die Schöpfung der Spezies Mensch auch mit der Einführung der Ja/Nein-Codierung begann. Allerdings ist an dieser Stelle wieder der Hinweis auf die Differenz zur Tierwelt wichtig. Auch Tiere können auf einen Reiz zustimmend oder ablehnend reagieren und auch zwischen Alternativen wählen. Aber nicht auf Basis der Frage, sondern auf Basis der Strategie, welche ihnen die Überlebensfähigkeit sichert. Die Kommunikation der Tierwelt besitzt eine „einwertige“ Codierung. Was wir Menschen unter Sprache verstehen, ist mit dem ersten Zweifel und der ersten fragenden Überlegung entstanden. Die Sprache (des Menschen) hatte ihren Ursprung mit der allerersten Frage. Diese allererste Frage führte die Ja/Nein-Codierung in die Kommunikation ein und ließ eine damit überlegene Spezies ans Werk gehen. Ein wesentliches Merkmal der Autopoiese ist nach Luhmann ist die Anschlussfähigkeit der Kommunikation. Ohne Anschlussfähigkeit würde die Kommunikation bzw. die Gesellschaft schlichtweg verschwinden. Jede Frage provoziert eine Antwort oder eine Gegenfrage. Jede Antwort auf eine Frage erzeugt wiederum neue Fragen. Die Frage erst generiert die rekursive Eigendynamik der Kommunikation, die Anschlussfähigkeit gewährleistet. Die Frage trägt (mit der Frage) Rückfrage, Widerspruch, Provokation, Gegenfrage, Sinnfrage, In-Frage-Stellen, … in die Kommunikation ein und erzeugt ständig die erforderlichen Resonanzen bei den Beteiligten. Jeder ausgesprochene Satz ist die Antwort einer (ausgesprochenen oder unausgesprochenen) Frage und erzeugt wiederum neue Fragen. In jeder menschlichen Kommunikation ist die Frage implizit enthalten. Teilnehmer einer Kommunikation auf Basis der Frage befinden sich in einer permanent rückgekoppelten Resonanz.

Die Frage und Erkenntnis

Jegliche Erkenntnis beginnt mit der Frage oder genauer – unter Anwendung der Sprachform von Immanuel Kant – die Frage ist Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung und der Erkenntnis. Sie ist dem Menschen von vornherein bzw. apriori – also noch bevor dieser Erfahrung durch Anschauung sammeln kann – gegeben. Jedes Wesen, welches diese Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung nicht in sich trägt, wird niemals an der komplexen Kommunikation teilnehmen können. Tiere sind Wesen, welche diese Bedingung nicht in sich tragen. Sie stellen sich selber und anderen keine Fragen innerhalb ihrer Kommunikation. Ihnen bleibt diese Welt verschlossen. Es ist vergleichbar mit Wesen, die in einer zweidimensionalen Raumwelt leben und eine existente dritte Dimension niemals erfahren können. Erkenntnis und Frage gehen Hand in Hand. Jeder Wissenschaftszweig hat spezifische Fragen. Der Erfolg bzw. die Wissensentwicklung hängt von der Beantwortung dieser Fragen ab. Die Frage stellt eine zentrale Herausforderung und den Antrieb zur Wissensvermehrung dar. Reine Neugier ist auch in der Tierwelt zu beobachten. Neugier auf der Basis der Frage ist allerdings strikt von der Neugier auf der Basis der Strategie zu unterscheiden.

Die Frage und die Logik

Wie ist die Logik und die Mathematik unter dem Ansatz der fragenden Kommunikation als menschenspezifische Technik zu bewerten. Die Logik entscheidet Aussagen in wahre Aussagen oder falsche Aussagen.“Der Apfel fällt zu Boden“ ist eine wahre Aussage. In der Aussagenlogik ist die Frage immer implizit eingebunden. Jede Aussage in der Logik ist eine Antwort auf eine Frage. Ohne Frage ist überhaupt keine Anwendung von Logik möglich. Die Logik ist die Frage an sich. Jede mathematische Gleichung – auch wenn sie noch so einfach ist, wie 2 + 2 = 4 – basiert auf eine Frage und ihre wahre oder falsche Antwort. Die Mathematik ist die Wissenschaft, die sich mit der Frage an sich beschäftigt. Sie wird auch leichthin als Hilfswissenschaft hingestellt, ist jedoch nun vom Standpunkt der Frage als zentrale Evolutionsdifferenz zwischen Mensch und Tier, eine Königsdisziplin und das eleganteste Werkzeug zur Beantwortung von Fragen in den Naturwissenschaften. Was wäre die Physik ohne das Werkzeug Mathematik. E = mc² ist eine Antwort auf eine fundamentale physikalische Frage.

Die Frage und das Spiel

Das Spiel ist Anwendung von Strategie und benötigt für den Ablauf keine fragende Kommunikation. Eine Wenn-Dann-Analysetechnik der Beteiligten reicht grundsätzlich aus, um ein Spiel zu gestalten. Die Schnelligkeit der geistigen Abläufe ist zentrale Komponente erfolgreichen Spiels. Wer denkt oder fragt hat schon verloren. Erfolgversprechende Entscheidungen sind ad-hoc Entscheidungen und können nicht durch Nachdenken und Nachfragen erarbeitet werden – dazu fehlt schlicht die Zeit -, sondern müssen „aus dem Bauch“ heraus erfolgen. Voraussetzung für einen guten Spieler ist eine ausgereifte Technik, die er ohne einen Gedanken daran zu verschwenden einsetzt. Die Motorik des Muskelspiels muss automatisch ablaufen. Auch das Zusammenspiel im Team sollte im Idealfall automatisiert sein. Das Spiel ist eine „animalische“ Kategorie. Das menschliche Spiel ist vergleichbar mit der Jagd bei Raubtieren. Hier gelten dieselben Regeln, um Erfolg zu haben. Wie ist das Schachspiel als Denksport zu betrachten. Grundsätzlich kann das Schachspiel auch auf nichtfragende Kommunikation basieren und mit der Wenn-Dann-Analysetechnik gespielt werden. Deshalb sind Computerschachprogramme so erfolgreich. Denn diese können sehr viele Wenn-Dann-Abfragen in kürzester Zeit vornehmen und eine optimierte Entscheidung für den nächsten Schachzug treffen. Auch Schach ist und bleibt reine Strategie und somit eine „animalische“ Denkkategorie. Auch das Musizieren wird nicht umsonst auch Spiel aufgefasst. Sie spielt Klavier, heißt Anwendung motorischer Automatismen, die viel Übungsfleiß erfordern. Wer beim Musizieren über die Technik nachdenkt, ist ein schlechter Musiker. Sogenannte Wunderkinder haben die angeborene Fähigkeit Impulse (Noten) direkt in Motorik (Tastendruck) umzusetzen und beweisen, dass nicht unbedingt die jahrzehntelange geistige Auseinandersetzung einen erstklassigen Klavierspieler hervorbringt, sondern eine reine Motorik mit Wenn-Dann-Analyse in Höchstgeschwindigkeit ausreichend sein kann. Die tierischer Motorik wartet mit Leistungsspitzen auf. Der Lauf eines Gepardes mit Geschwindigkeiten von 120 km/h oder der Sturzflug eines Falken mit 300 km/h ist für menschliche Kategorien (ohne Einsatz von Hilfsmitteln, die nur der Fähigkeit nachfragender Kommunikation zu erreichen sind) schlicht nicht vorstellbar.

Mit dem Ende (Sieg / Unentschieden / Niederlage) sind alle Fakten gesetzt. Natürlich versucht der Mensch und vor allem die Medien ein Spiel mit Fragen zu ergründen. Vor allem im Vorfeld sind Vorhersagen mit Fragestellungen verbunden: Wer wird gewinnen? Doch nach dem Spiel herrscht immer eine gewisse Sprachlosigkeit, obwohl sich alle bemühen über das Spiel zu reden. Was soll man noch sagen, nachdem die Fakten klar sind. Sepp Herbergers Antworten, wie „Der Ball ist rund“, „Das Spiel dauert 90 Minuten“, usw. auf Fragen zum Spiel sind in die Geschichte eingegangen.

Die Frage und die Vertreibung aus dem Paradies

Die Vertreibung aus dem Paradies ist mit der ersten Frage innerhalb der Kommunikation verbunden. Der Mensch übertritt die Schwelle des „Paradieses des Nichtwissens“ und fragt nach sich und seiner Herkunft. Niklas Luhmann drückt es mit der Verstrickung in Kommunikation aus, die jedes betroffene Wesen aus dem Paradies der naiven Ahnungslosigkeit ??? herausholt. Man könnte auch sagen, die Verstrickung in Fragen holte uns aus dem Paradies. Sie ist unerlässliche Bedingung für jeglichen Fortschritt, aber mit dem bitteren Nachgeschmack der Vertreibung aus himmlischen Gefilden. Sind die Tiere noch im Paradies? Wenn man beispielsweise weidende Kühe anschaut oder den Segelflug eines Greifvogels, dann ist man versucht eine paradiesischen Zustand zu konstatieren. Die Gelassenheit dieser Wesen und ihre Fähigkeit unbeirrt ihren Weg zu gehen, ist eine Folge ihrer nicht auf Fragen basierenden Kommunikation. Sie kennen keinen Zweifel und können – sofern der Mensch und die Naturgesetze es zulassen – ihr Dasein ausschöpfen. Das gerade sie dem harten Prinzip von Mutation und Selektion unterworfen sind, betrübt ihr Weltbild nicht, sie fragen einfach nicht danach. Sie sind insofern freier als wir Menschen. Ich möchte an dieser Stelle unbedingt anmerken, dass die Idee der Differenz zwischen Mensch und Tier ihren Ursprung in der Faszination bei der Beobachtung von Tieren hat …

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