Gesellschaftsbegriff

Die Theorie des Homo quaerens formt einen eigenen Gesellschaftsbegriff, welcher sich von anderen Definitionen klar abgrenzt. Gesellschaft wird dieser Theorie zufolge als die Summe aller Fragen aufgefasst.

Die Soziologie hat viele Begrifflichkeiten und Modelle für die Gesellschaft erarbeitet. Aktuell und am meisten diskutiert ist die im Rahmen der Systemtheorie von Niklas Luhmann entworfene autopoietische Gesellschaftstheorie. Luhmann beginnt sein großartiges Theoriegebäude im seinem Standardwerk „Soziale Systeme“ mit dem Satz: „Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass es Systeme gibt.“

Luhmann betrachtet also die Gesellschaft als reales System, mit der logischen Konsequenz, dass der Mensch außen vor ist und allenfalls über sein Bewusstseinssystem strukturell daran gekoppelt ist. Luhmann projiziert die Theorie des Lebendigen von Humberto Maturana, welcher das Leben als autopoietisch beschreibt und damit meint, dass Leben ausschließlich Leben produziert oder allgemein gesagt, ausschließlich die Elemente erzeugt, aus denen es selbst besteht, auf die Gesellschaft. Bei Luhmann erzeugen dann Kommunikationen Kommunikationen (und nichts anderes) und bilden so die Gesellschaft. Der Satz „Gesellschaft ist Kommunikation“ bringt den Gedanken auf den Punkt. Der bis dato in der Soziologie eher statisch angelegte Gesellschaftsbegriff erfährt durch Luhmann eine Dynamisierung und besteht nun nicht mehr aus einzelnen Menschen oder Dingen, sondern prozessiert Kommunikationen. Eben dadurch grenzt sich das soziale System auch von allen anderen Dingen und auch anderen Systemen ab. Hier ist die zweite wichtige Komponente des Luhmannschen Gesellschaftsbegriffs der Systemgrenze – also der Grenze zwischen System und seiner Umwelt – erfasst. Diese Kurzfassung unterschlägt viele Punkte, die für das Verständnis dieser Gesellschaftsdefinition wichtig sind. Zu nennen sind der operative Konstruktivismus, die operationale Geschlossenheit, die Realität der biologischen, psychischen und eben sozialen Systeme sowie die Anwendung der Evolutionsmechanismen, welche (Luhmann zufolge) die realen Systeme hervorgebracht haben. Eine verständliche Kurzfassung der Grundlagen findet sich bei Margot Berghaus, „Luhmann leicht gemacht“.

Wie sieht nun der Gesellschaftsbegriff nach der Theorie des Homo quaerens aus. Ich definiere Gesellschaft als die Summe aller Fragen. Das soziale System ist für mich – in Abgrenzung zu Luhmann – nicht real. Es gibt keine Systeme, aber es gibt manches, was sich systemisch organisiert, wie zum Beispiel das Laserlicht oder eben die Gesellschaft. Mit „systemisch organisiert“ sind die spontanen Ordnungsprinzipien der Selbstorganisation und resp. die Aufteilung in „Untersysteme“ (nach Hermann Haken, Synergetik – Die Lehre vom Zusammenwirken“) gemeint. Der Mensch ist mit seiner Fähigkeit zur Frage selbstverständlich gekoppelt an die Gesellschaft, aber nicht biologisch, sondern kognitiv über Fragen und natürlich auch Antworten resp. Informationen. Somit bleibt die Luhmannsche Definition „Gesellschaft ist Kommunikation“ im Prinzip bestehen. Auch bleibt der prozesshafte Charakter des Gesellschaftsbegriffs. Der „biologische“ Mensch bleibt ebenfalls draußen. Doch Gesellschaft ist nicht wie bei Luhmann eine Art real existierende, quasi lebendige Wesensart, welches völlig autonom (autopoietisch) organisiert ist und einzig die Fähigkeit zur Kommunikation besitzt. Nach der Theorie des HQ kann es keine (zwischenmenschliche) Kommunikation ohne vorherige Frage geben und damit ist die Gesellschaft als Surrogat aller Fragen eindeutig definiert. Und fragen kann nur der Mensch. Der Mensch und hier insbesondere seine Fähigkeit zur Frage und damit einhergehend seine binäre kognitive Struktur sind und bleiben Ausgangspunkt aller menschlichen Kultur und somit auch Ausgangspunkt der Gesellschaft.