Intro

Liebe(r) Leser(in),

alles begann damit, dass ich aus einer Ferienwohnung im Harz  über eine Woche weidende Kühe beobachten konnte. Sie haben mich mit ihren unterschiedlichen Verhaltensweisen amüsiert und fasziniert. Die Weide war ringsum gesichert mit einem aus der Ferne kaum zu erkennenden Elektrozaun. Dieses  abgezäunte Gebiet war ihr Territorium. Es geschah an einem Nachmittag, als ich aus dem Fenster schaute, um nach der schwarzbunten Gemeinschaft zu schauen. Urplötzlich und wie aus heiterem Himmel stieg in mir eine Frage auf: Warum geben sie sich ihrem Schicksal hin? Die Antwort kam ebenso unvermittelt ohne jegliches Nachdenken. Sie lautete: Sie sind nicht fähig zur Frage.

Dieser „Geistesblitz“ – der tatsächlich mit einer Erscheinung in Form eines weißen Lichts kombiniert war – war der Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit der vom Himmel gefallenen Eingebung, dass Menschen eine Fähigkeit zur Frage besitzen und Tiere nicht. Eine erste Einordnung sah dann so aus:

Es geht letztlich um die Kant´sche Frage: Was ist der Mensch? 

Und die Frage, ob die Abgrenzung der Wesensarten Mensch und Tier so einfach sein kann:

Mensch -> ?           Tier -> !

Das Ergebnis der weiteren Auseinandersetzung mit der in den Symbolen Fragezeichen und Ausrufezeichen leicht zu fassenden These ist der Homo quaerens. Die Eingebung liegt jetzt ca. 15 Jahre zurück und ich arbeite seitdem – mal mehr mal weniger – an der Theorie. Inzwischen haben sich viele Ableitungen und Folgerungen aus der fast banal anmutenden Grundannahme ergeben. Zentral ist die Idee einer binären Struktur menschlicher Kognition. Diese binäre oder zweiwertige Kognition könnte der Ausgangspunkt menschlicher Evolution sein. Der Mensch hat sich demnach – von Anfang an – vom Geist her entwickelt. Dieser Paradigmenwechsel im Sinne einer Verschiebung von der Morphologie hin zum Geist ermöglicht weiterführende Deutungen zu vielen offenen Forschungsfragen, die bislang von den Naturwissenschaften mit unbefriedigenden Antworten beherrscht werden. So wird dieser Theorie zufolge der aufrechte Gang nicht als rein körperliche evolutionäre Entwicklung verstanden, sondern als ein Aufrichten als Folge der binären kognitiven Struktur des Menschen.

Wie können Tiere nun kognitiv eingeordnet werden? Die kognitive Struktur der Tiere ist dieser Theorie zu Folge nicht zweiwertig, sondern einwertig codiert. Diese Codierung lässt gekoppelt an ein Gedächtnis die Erfassung kausaler Zusammenhänge zu und führt letztlich zu einer Form strategischer Intelligenz wie es bei der gemeinsamen Jagd eines Wolfsrudels zu beobachten ist. Die einwertige Codierung der Tiere kann auch mit kognitiver Symmetrie beschrieben werden.

Die binäre Struktur menschlicher Kognition ermöglicht und bedingt den Bruch dieser Symmetrie. So sind Revolutionen makrogesellschaftliche Ergebnisse der binären Codierung. Jedweder Zweifel, jedwedes Staunen und jede Frage folgen diesem Konstrukt, welches ich ganz bewusst in Anlehnung an den auch von der Physik benutzten Begrifflichkeit des Symmetriebruchs gewählt habe.

Ein Ausbruch der Kühe im Sinne einer durch das Fragezeichen geprägten Überwindung kognitiver Schranken ist nicht möglich. Natürlich kann es Gründe geben, zum Beispiel bei Gefahr den Zaun nieder zu rennen und so seinem Schicksal zu entfliehen, doch das ist kein „Bruch“ im Sinne eines Symmetriebruchs. Denn Gefahr ist geprägt vom Ausrufezeichen und nicht vom Fragezeichen.

Erlösung findet der Mensch nur in der kognitiven Symmetrie und damit in der Loslösung von allen Fragen. Die Religionen und Weltanschauungen dieser Welt versprechen Erlösung, indem sie Antworten anbieten, jedoch gleichzeitig das Hinterfragen der Glaubenssätze verbieten. Auch Diktaturen sind geprägt vom Ausrufezeichen und garantieren allen Mitläufern ein bequemes Leben. Nichtgläubige und Andersdenkende erfahren allerdings Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zur Vernichtung. Die Theorie des HQ verortet den Ursprung des Menschseins nicht im Ausrufezeichen, sondern im Fragezeichen. Alles Menschliche beginnt mit dem Fragezeichen. Hier wird deutlich, wie menschenfeindlich alle Systeme sind, die kritische Offenheit unterdrücken. Und es wird gleichzeitig deutlich, dass die Gesellschaftsform der Demokratie eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit ist, weil sie das Fragezeichen und damit dass, was den Menschen vor mehr als 7 Millionen Jahren zum Menschen gemacht hat, zu ihrem Leitsymbol erhebt. Sie garantiert der Gesellschaft Frieden und Freiheit. Demokratie verspricht keinerlei Erlösung und kann sie aus ihrer Grundidee heraus auch gar nicht anbieten. Ganz im Gegenteil: Eine funktionierende Demokratie basiert auf Streit und Widerspruch. Sie entfaltet lediglich vorläufige Ergebnisse und eine immerwährende Weiterentwicklung, ohne je eine Perfektion zu erreichen.

Für eine echte Erlösung müsste man sich wohl kognitiv dorthin begeben, wo die Tiere bereits sind. Hier kommt der Satz von Niklas Luhmann zum Tragen: „Wenn wir einmal in Kommunikation (bzw. in Fragen) verwickelt sind, dann können wir nie wieder in das Paradies der einfachen Seelen zurückkehren.“ Wir können festhalten: Erlösung ist eine Illusion und keine Religion kann Gewissheiten bereit stellen. Wir haben lediglich Gewissheit über die Tatsache, dass es keine Gewissheit gibt. Am Ende bleibt dem Menschen als letzte Instanz seiner Erkenntnis nur der Zweifel. In Anlehnung an Descartes können wir alles in Frage stellen, mit Ausnahme der Tatsache, dass wir die grundlegende Fähigkeit besitzen, etwas in Frage zu stellen. Ich frage, also bin ich ein Mensch und ein sinnerfülltes Leben in einer modernen sozialen Gemeinschaft braucht das lebendige Fragezeichen.

Liebe(r) Leser(in), sie merken nun, wie weit eine Beschäftigung mit der Thematik einen binär codierten Menschen wie mich führt. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich im vollen Bewusstsein ihrer binären kognitiven Codierung in meine Gedankenwelt hinein lesen. Von Gottlob Fichte stammt der Satz: „Eine einzige Idee kann eine ganze Philosophie entfalten.“ Ich ahne zumindest, was er damit meinte und wünsche viel Kurzweil sowie die ein oder andere geistige Anregung. Zum ersten Einlesen in die Theorie empfehle ich folgende Texte: Der binäre Code +++ 11 Thesen +++ (ein frühes) Interview

Sie können mich gerne per Email kontaktieren. Die Theoriegrundlage zum Homo quaerens wird von mir in einem ca. 1-stündigen Vortrag dargestellt.

H. Johannes Siebelts im Dezember 2018

Email: info(ät)homo-quaerens.de